So hat Cando den Master of Swiss Web 2026 umgesetzt
Für die Agentur Cando beginnt die Geschichte von «Swissgrid 24/7» mit einer Ausschreibung. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht sie mit dem Titel Master of Swiss Web 2026. Chris Bochsler, Managing Partner von Cando, blickt im Gespräch auf die Entwicklung des Siegerprojekts zurück.
"Swissgrid 24/7" hat Gold in den Kategorien Technology und User Experience am Best of Swiss Web Award gewonnen – was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor dafür?
Chris Bochsler: Der entscheidende Faktor war die konsequente Verbindung von Technologie und User Experience. Wir haben es geschafft, eine hochkomplexe, technische Domäne mit Millionen von Datenpunkten so aufzubereiten, dass sie intuitiv verständlich und erlebbar wird. Die Stärke liegt genau darin, dass leistungsfähige Datenplattform, Near-Realtime-Verarbeitung und Visualisierung nicht isoliert gedacht wurden, sondern als ganzheitliches Erlebnis.
Sie haben den Auftrag für Swissgrid 24/7 im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung erhalten. Wie bereiteten Sie sich darauf vor?
Unsere Erfahrung mit datengetriebenen Visualisierungen war eine zentrale Grundlage – etwa mit dem Zurich Risk Room oder Lösungen im Energiebereich mit Echtzeitdaten. Gleichzeitig war entscheidend, dass wir uns intensiv in die neue Domäne eingearbeitet haben. Wir wollten nicht nur Technologie liefern, sondern den Netzbetrieb wirklich verstehen. Daraus entstand ein überzeugendes technisches Konzept und vor allem ein klarer UX-Ansatz, der komplexe Zusammenhänge visuell zugänglich macht.
Inwiefern beeinflusste das WTO-Verfahren die konkrete Projektumsetzung?
Das WTO-Verfahren ist sehr formal und lässt vor Projektstart kaum Raum für einen Austausch. Für uns als Co-Creation-getriebene Agentur war das eine Umstellung. Während der Umsetzung mussten wir einen Fixpreisauftrag über rund eineinhalb Jahre mit laufenden Veränderungen in Einklang bringen. Besonders in den Bereichen Datenplattform und UX zeigte sich, dass der tatsächliche Aufwand deutlich höher war, als initial angenommen. Umso wichtiger war die enge Zusammenarbeit mit Swissgrid – insbesondere mit den Experten der Leitstelle und der IT, die das Projekt stark mitgeprägt haben und heute zu Recht mit grossem Stolz dahinterstehen.
Was war die grösste technische Herausforderung bei der Umsetzung?
Eine grosse Herausforderung war die Integration der zentralen Datenplattform. Swissgrid 24/7 war meines Wissens eine der ersten Anwendungen, welche die neue Azure-Databricks-Plattform in dieser Art Near-Realtime nutzte. Dank der intensiven Unterstützung durch die Swissgrid-Datenexperten wurde dies möglich. Dabei ging es nicht nur um die Anbindung von über neun kritischen Quellsystemen, sondern auch um die Verarbeitung grosser Datenmengen über mehr als 100 Pipelines hinweg. Zusätzlich mussten Performance und Kosten massiv optimiert werden – unter anderem durch intelligentes Caching, optimierte Datenmodelle und gezielte Verlagerung von Transformationen in die Datenplattform. Dadurch konnten die Betriebskosten um rund zwei Drittel reduziert werden.
Wie bringt man Millionen von Datenpunkten quasi in Echtzeit auf den Screen, ohne die Performance zu beeinträchtigen?
Entscheidend ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Die Daten werden bereits auf der Plattform stark voraggregiert und kontextbezogen aufbereitet. Im Front-End werden nur relevante Daten in der passenden Granularität geladen – abhängig von Rolle und Preset. Zusätzlich setzen wir auf Websocket-basierte Kommunikation mit Delta-Updates statt vollständiger Reloads. In Kombination mit Caching-Strategien und optimierten Datenflüssen konnten wir eine sehr hohe Performance erreichen, trotz Datenaktualisierungen im Bereich von unter 10 Sekunden.
Wie übersetzt man ein hochkomplexes Stromnetz in eine User Experience, die auch Laien verstehen?
Der Schlüssel liegt in der radikalen Vereinfachung und visuellen Übersetzung. Wir nutzen abstrahierte Darstellungen wie die Tube-Map, klare Farblogiken, Animationen und kontextuelle Informationen. Ergänzt wird dies durch Bilder, Videos und erklärende Inhalte aus dem Intranet. So entsteht eine Experience, die nicht nur Daten zeigt, sondern Zusammenhänge verständlich macht – und den Netzbetrieb für alle erlebbar macht.
Welche Design- oder UX-Entscheidung hatte den grössten Einfluss auf die Usability?
Die wichtigste Entscheidung war die konsequente Vereinheitlichung der Interaktion. Unabhängig vom Thema funktionieren Karte, Sidepanel und Timeslider immer gleich. Zeit ist dabei die zentrale Dimension, die sich durch alle Funktionen zieht. Die dynamische Netzkarte mit stufenlosem Zoom und direkt auf den Assets visualisierten Near-Realtime-Betriebsdaten ermöglicht zudem einen intuitiven Zugang zu sehr komplexen Informationen. Nicht zuletzt wurde besonderes Augenmerk auf die mobile Darstellung gelegt, das heisst auf die "Leitstelle in der Hosentasche". Hier wurde mit adaptiven Patterns gearbeitet, um den beschränkten Viewport optimal zu nutzen. So wurden Panels und Slideouts kontextspezifisch ein- und ausgeblendet und touch-optimiert.
Wie haben Sie die unterschiedlichen Anspruchsgruppen – vom Lernenden bis zum Management – konkret berücksichtigt?
Wir arbeiten mit klar differenzierten Modi und Presets. Experten sehen detailliertere Daten und zusätzliche Funktionen, während andere Zielgruppen vereinfachte Ansichten erhalten. Ausserdem wurde durch das Berechtigungsmodell auch die Ausgabe von sicherheitsrelevanten Informationen gesteuert, etwa Informationen ausgeblendet oder zeitverzögert ausgespielt. Gleichzeitig nutzen wir eine verständliche, visuelle Sprache mit eigenen Symbolen, Animationen und erklärenden Inhalten. Dadurch wird die Plattform sowohl für Fachpersonen als auch für Laien zugänglich – bis hin zur Nutzung auf Touch-Displays in Eingangsbereichen.
Eine der Funktionen beschreiben Sie als "Zeitreisen mit dem Timeslider" – was steckt dahinter?
Die Idee ist, den Zustand des Stromnetzes zu jedem beliebigen Zeitpunkt reproduzierbar zu machen. Nutzer können in die Vergangenheit springen und sehen exakt, wie sich ein Ereignis entwickelt hat – inklusive aller Daten, Zustände und Auswirkungen. Ereignisse lassen sich sogar abspielen. Technisch bedeutet das, dass Millionen von Datenpunkten historisiert, konsistent gespeichert und performant wiedergegeben werden müssen. Das ist insbesondere bei Near-Realtime-Daten eine grosse Herausforderung.
Was haben Sie aus diesem Projekt gelernt?
Ein zentrales Learning ist die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit. Solche Projekte verbinden Data Science, Engineering, UX und Business in einer Komplexität, die nur gemeinsam erfolgreich bewältigt werden kann. Es braucht Verständnis für alle Perspektiven und die Fähigkeit, diese zu orchestrieren. Ebenso entscheidend ist ein starker Partner auf Kundenseite. Bei Swissgrid war die Unterstützung durch die Fachbereiche und insbesondere die Leitstelle enorm – und genau diese gemeinsame Identifikation macht den Erfolg des Projekts heute so besonders. Das Team musste sich zudem intensiv in eine komplexe Materie und Begrifflichkeiten einarbeiten und Prozesse verstehen, mit denen man üblicherweise keine Berührungspunkte hat. Ohne diese Investition wäre es nicht möglich gewesen, die vielen Datenpunkte in der gewünschten User Experience zu visualisieren und zu vereinen oder zwischen Business, UX und Technik zu vermitteln.
Was fasziniert Sie persönlich am Siegerprojekt?
Vielen in der Schweiz ist nicht bewusst wie vernetzt wir mit Europa sind. Der Stern von Lauenburg ist DER Netzknoten in Europa. Das Stromnetz hört nicht an der Grenze auf und wir profitieren von unseren Nachbarn und sie von uns. Swissgrid 24/7 macht das sichtbar: Ereignisse wie ein Teilblackout in der Ukraine sind Sekunden später bei uns sichtbar (Frequenz weicht ab), ein Feiertag in Italien, während der Rest von Europa arbeitet, hat einen grossen Einfluss auf die Leistungsflüsse, da Italien dann Strom über die Schweiz nach Deutschland exportiert. Es zeigt, dass wir ein Teil von Europa sind und das dies auch mit vielen Vorteilen für uns verbunden ist.
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