Entwicklerkonferenz I/O

Google baut die Suche zum KI-Agenten um

Uhr
von Joël Orizet und NetzKI Bot und tse

Google macht aus Gemini einen digitalen Dauerbegleiter. An der Entwicklerkonferenz I/O zeigte der Konzern, wie KI-Agenten künftig Aufgaben übernehmen, Inhalte erstellen und selbstständig im Hintergrund arbeiten sollen - auch auf neuer Hardware wie smarten Brillen mit Android XR.

Google hat an seiner diesjährigen Entwicklerkonferenz eine Flut neuer Funktionen rund um Gemini vorgestellt. (Source: zVg)
Google hat an seiner diesjährigen Entwicklerkonferenz eine Flut neuer Funktionen rund um Gemini vorgestellt. (Source: zVg)

Google macht aus seiner Suchmaschine zunehmend einen KI-Assistenten. An der Entwicklerkonferenz Google I/O 2026 zeigte der Konzern eine Flut neuer Funktionen rund um Gemini - und gab damit einen Ausblick darauf, wie sich die Nutzung des Webs in den kommenden Jahren verändern könnte. 

Der Schwerpunkt der Ankündigungen lag auf KI-Agenten: Systeme, die nicht mehr nur auf Eingaben reagieren, sondern eigenständig Aufgaben erledigen. Google integriert diese Funktionen künftig direkt in die Suche, in Gmail, Chrome, Android und Workspace-Anwendungen. 

Von der Suche zum Dialog

Besonders deutlich zeigt sich der Strategiewechsel bei der Google-Suche. Das Suchfeld erhält laut Mitteilung das grösste Redesign seit über 25 Jahren. Nutzerinnen und Nutzer sollen dort nicht mehr nur Schlagwörter eintippen, sondern komplexe Anliegen formulieren, Bilder oder Videos hochladen und längere Dialoge mit der Suchmaschine führen können. Statt klassischer Trefferlisten entstehen zunehmend dynamische KI-Oberflächen mit Grafiken, Tabellen oder interaktiven Elementen.

Neu kommen sogenannte Informationsagenten hinzu. Diese laufen dauerhaft im Hintergrund und beobachten das Netz nach bestimmten Themen. Wer etwa eine Wohnung sucht oder auf neue Produkte wartet, kann Gemini damit beauftragen, automatisch passende Angebote zu finden und Benachrichtigungen zu verschicken. Auch Buchungen und Einkäufe will Google stärker automatisieren.

Gemini soll Aufgaben übernehmen, statt nur zu antworten

Parallel dazu baut Google Gemini aus. Die App zählt eigenen Angaben zufolge inzwischen über 900 Millionen monatliche User. Neu erhält sie eine überarbeitete Oberfläche namens "Neural Expressive" sowie Funktionen wie "Daily Brief": Gemini erstellt morgens automatisch Zusammenfassungen aus E-Mails, Kalendern und Aufgabenlisten.

Mit "Gemini Spark" kündigte Google zudem einen KI-Agenten an, der dauerhaft in der Cloud läuft und mehrstufige Aufgaben selbstständig erledigen soll - auch dann, wenn Laptop oder Smartphone längst ausgeschaltet sind. Google will Gemini damit vom Chatbot zur permanent verfügbaren digitalen Assistenz ausbauen.

Grafik zu Googles Gemini-App mit neuen KI-Funktionen wie Gemini Spark, Gemini Omni, Daily Brief und Gemini 3.5 Flash. Zu sehen sind Oberflächen für Sprachsteuerung, Bild- und Videoerstellung sowie die neue macOS-App.

Google erweitert Gemini um neue KI-Agenten, multimodale Funktionen und eine überarbeitete Benutzeroberfläche. (Source: zVg)

KI-Agenten auf Einkaufstour

Auch beim Onlinehandel setzt Google künftig stärker auf Automatisierung. Der Konzern präsentierte einen "universellen Einkaufswagen", der Produkte aus verschiedenen Shops sammelt, Preise beobachtet, Rabatte erkennt und später selbstständig Käufe vorbereiten kann.

Die zugrunde liegende Infrastruktur soll auch automatische Zahlungen durch KI-Agenten ermöglichen - allerdings nur innerhalb vorab definierter Regeln und Budgets. Somit versucht Google, Suche, Werbung, Shopping und Bezahlsysteme enger zusammenzuführen.

Videos per Sprachbefehl

Technisch setzt Google auf neue Modelle wie Gemini 3.5 Flash sowie "Gemini Omni". Letzteres verarbeitet Text, Bilder, Audio und Video gleichzeitig und kann daraus neue Inhalte erzeugen. Besonders offensiv demonstrierte Google die Videofunktionen: Nutzerinnen und Nutzer sollen Filme künftig per Sprachbefehl bearbeiten, Szenen verändern oder komplett neue Inhalte erzeugen können.

Gleichzeitig versucht Google, die Risiken generativer KI stärker zu adressieren. KI-generierte Inhalte erhalten künftig Wasserzeichen über das System "SynthID". Zudem integriert der Konzern sogenannte "Content Credentials", die sichtbar machen sollen, ob ein Bild, Video oder Audioinhalt mit KI erstellt oder bearbeitet wurde. Abgesehen von Nvidia wollen laut Google künftig auch OpenAI und Eleven Labs diese Technik unterstützen.

Smarte Brillen sollen Gemini in den Alltag bringen

Google kündigte auch neue Hardware an. Gemeinsam mit Samsung sowie den Brillenmarken Gentle Monster und Warby Parker entwickelt der Konzern smarte Brillen mit Android XR. Zunächst geht es um Brillen mit integrierten Lautsprechern und Mikrofonen; später sollen auch Modelle mit integriertem Display folgen, die Informationen direkt im Sichtfeld anzeigen. Die Geräte sollen Wegbeschreibungen liefern, Gespräche übersetzen, Fotos aufnehmen oder Nachrichten verschicken - alles per Sprachsteuerung über Gemini.

Collage zu Googles Android-XR-Brillen: Zu sehen sind Modelle von Gentle Monster und Warby Parker sowie App-Symbole und Beispiele für KI-Funktionen wie Übersetzungen, Navigation und Bilderkennung mit Gemini.

Google zeigt neue smarte Brillen mit Android XR und integriertem KI-Assistenten Gemini. (Source: zVg)

Damit versucht Google erneut, den Alltag stärker über tragbare KI-Geräte zu organisieren, nachdem Google Glass vor Jahren scheiterte. Anders als damals setzt der Konzern nun jedoch auf multimodale KI und deutlich leistungsfähigere Sprachmodelle. Die ersten Audiobrillen sollen im Herbst zunächst in den USA auf den Markt kommen. Wann die Geräte in Europa erscheinen, ist bislang offen.

KI für schnellere Forschung

Auch die Wissenschaft spielt in Googles KI-Strategie eine Rolle. Unter dem Namen "Gemini for Science" stellte das Unternehmen Tools vor, die Forschende etwa bei der Auswertung wissenschaftlicher Publikationen, der Analyse grosser Datensätze oder der Entwicklung neuer Forschungshypothesen unterstützen sollen. Die Systeme basieren auf Technologien wie AlphaFold, NotebookLM oder Co-Scientist und sollen komplexe wissenschaftliche Arbeitsabläufe deutlich beschleunigen.

Google arbeitet zu diesem Zweck nach eigenen Angaben mit über 100 Forschungseinrichtungen zusammen, darunter Stanford und das Imperial College London. Der Konzern positioniert KI somit zunehmend auch als Werkzeug für medizinische und naturwissenschaftliche Forschung - und versucht zugleich, seine Technologie stärker mit gesellschaftlich relevanten Anwendungen zu verknüpfen.

Alles auf agentische KI

Hinter all diesen Ankündigungen steckt allerdings auch enormer wirtschaftlicher Druck. Google investiert laut CEO Sundar Pichai inzwischen rund 190 Milliarden US-Dollar jährlich in Infrastruktur - ein Vielfaches der Ausgaben von vor wenigen Jahren. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb mit OpenAI, Microsoft, Meta und anderen KI-Anbietern.

Die diesjährige I/O zeigte deshalb vor allem eines: Google versteht KI nicht mehr als Zusatzfunktion. Der Konzern baut seine gesamte Produktwelt Schritt für Schritt zu einer permanent aktiven KI-Plattform um - mit Agenten, die Informationen filtern, Aufgaben übernehmen und Entscheidungen vorbereiten. Doch je tiefer diese Systeme in den Alltag eingreifen, desto dringlicher stellt sich die Frage nach Kontrolle, Transparenz und Datenhoheit.

 

Übrigens: Mitte Mai stellte Google mit dem Googlebook eine neue Generation von KI-Laptops vor - mehr dazu lesen Sie hier

Webcode
D7dcFMGj