Standortbestimmung

Wie digitalisiert sind Schweizer KMUs?

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Die Schweiz ist digitalisiert – aber nicht überall. Grosskonzerne sind fortgeschritten, KMUs oft nicht. Die Redaktion suchte Gründe – und erhielt Tipps für die Digitalisierung in KMUs.

Viele Schweizer KMUs sind noch wenig digitalisiert. Dabei bilden sie das Rückgrat der Wirtschaft: Über 99 Prozent der Schweizer Firmen beschäftigen weniger als 250 Angestellte. Laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) stellen KMUs rund zwei Drittel aller Arbeitsplätze in der Schweiz.

Diese Branchen haben die Nase vorn

Wer ist bei der Digitalisierung führend? Telekommunikation und Medien sind am stärksten digitalisiert, Energie und Versorgung am wenigsten. Auch das Gesundheitswesen und die Finanzdienstleister sind noch nicht weit. Das fanden Digitalswitzerland, Google und PwC heraus, die im August 300 Schweizer KMUs befragten. Den zweithöchsten Digitalisierungsgrad hat der öffentliche Sektor. Allerdings auch nur, weil Stiftungen und Schulen, die tendenziell stärker digitalisiert sind, zu diesem Sektor zählen.

Wenig digitalisiert ist auch das Gastgewerbe. Wie stark hier digitale und reale Welt verschmelzen werden, sei schwer zu beurteilen, sagt Gastrosuisse auf Anfrage. Laut dem Verband für Hotellerie und Restauration gründen aber bereits viele Geschäftsmodelle auf neuen Bestell-, Reservierungs- und Bewertungssystemen. Die Digitalisierung verändere auch das Konsumverhalten. «Der moderne Gast ist online und mobil und hat einen hohen Anspruch an Individualität», heisst es auf Anfrage der Redaktion.

Auch die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie spürt die Digitalisierung. Die «Industrie 4.0» sei angekommen, sagt der Verband Swissmem. Er befragte seine 1000 Mitgliedfirmen, 373 antworteten: Insgesamt seien 1225 Industrie-4.0-Projekte umgesetzt, in Arbeit oder in Planung. Nur 58 Prozent passieren in KMUs. Gibt es einen Jobabbau, wenn alles digitalisiert wird? «Roboter ersetzen keine Menschen», schreibt Swissmem. «Wenn Unternehmen durch die Digitalisierung konkurrenzfähiger und erfolgreicher werden, generieren sie mehr Stellen als zuvor.»

Eine Frage des Alters?

Meist entscheiden die Chefs, wie sich eine Firma digitalisiert. Das Problem dabei: Je älter die Geschäftsleitung, desto tiefer der Digitalisierungsgrad. Das zeigt die PwC-Studie. Es stimme, dass jüngere Geschäftsleitungen mit Veränderungen besser umgehen könnten, sagt Reinhard Riedl, Wissenschaftlicher Leiter im Fachbereich Wirtschaft der Berner Fachhochschule. Aber Erfahrung sei auch wertvoll. Obwohl sie dazu verführen könne, Geschäftsmodelle aus der Vergangenheit zu lange beizubehalten. Wer das Glas als halbvoll betrachte, übersehe oft, dass die Märkte sich verändern. «Wer hingegen beim heute halbleeren Glas erkennt, dass es in Zukunft ganz leer sein könnte, der wird begreifen, dass er sich verändern muss», sagt Riedl.

Für Maxomedia-CEO Bernhard Herzig ist Digitalisierung keine Frage des Alters, sondern der Kultur. «Für ganz viele Chefetagen bedeutet die Digitalisierung das Verlassen ihrer Komfortzone, gepaart mit einer grossen Portion Ungewissheit.» Statt etwas zu ändern, halte man dann oft am Bekannten fest, sagt Herzig.

Für Bernhard Salzmann vom Schweizerischen Gewerbeverband ist das Alter ebenfalls kein zentraler Faktor. Marcus Hassler vom Wirtschaftverband Economiesuisse stimmt dem zu. Eine erfolgreiche Unternehmensführung zeichne sich vor allem durch Diversität in der Leitung aus. «Das Alter hat nicht zwingend einen Einfluss auf den Umgang mit den Herausforderungen des technologischen Wandels.»

Blick über den Tellerrand

Wie können Geschäftsführer in Schweizer KMUs die Digitalisierung vorantreiben? Kommt darauf an, sagt Hassler, jede Branche sei anders. Unternehmer sollten anpassungsfähig sein und strategisch agieren. Und fremde Branchen beobachten und sich fragen, was Veränderungen für die eigene Branche und das eigene Unternehmen bedeuten. Wichtig sei auch der Blick über die Grenze. Auf Erfahrungen im Ausland lasse sich aufbauen.

Auch Salzmann rät, dass Firmen die Digitalisierung genau analysieren sollten. «Wenn technisches oder strategisches Know-how fehlt, ist es sinnvoll, sich dieses zu holen.» Dafür gebe es Netzwerke und Plattformen wie ­helpy.ch von der Stiftung KMU Schweiz. «Ohne Commitement von ganz oben geht nichts», sagt Herzig. Das heisse nicht, dass die Tepichetage alles selbst erledigen müsse. Oftmals gebe es bereits wertvolle Grassroots-Initiativen der Mitarbeiter, die man fördern sollte.

Die richtigen Fragen stellen

Riedl rät KMUs, folgende Fragen zu stellen: Enthalten Daten Informationen, die noch nicht genutzt werden, aber für uns oder für andere wertvoll sind? Können wir aus vorhandenen Daten Wissen generieren, das uns weiterbringt? Auch die Geschäftsprozesse müssen untersucht werden: Wo wird Information mehrfach beschafft? Wo hat sie häufig eine schlechte Qualität? KMUs sollten sich fragen, wie sie das Kundenerlebnis verbessern können, und ob es Wege gibt, über digitale Vertriebskanäle an neue Kunden zu gelangen oder neue Dienstleistungen anzubieten.

«Digitalisierung geht mit so weitgehenden Veränderungen einher, dass sich niemand von uns gern darauf einlässt», sagt Riedl. Die Digitalisierung sei aber fast immer eine Notwendigkeit. Darum müsse man gut kommunizieren, bevor man Veränderungen anpacke.

Der Faktor Mensch

Mitarbeiter setzen Digitalisierung oft mit ständiger Erreichbarkeit gleich. Laut Herzig ist dieses Bild falsch. Bei der digitalen Transformation gehe es hauptsächlich um Prozesse. Digitalisierung führe zu einer Entlastung der Mitarbeiter. Das müsse man aber auch kommunizieren.

«Mitarbeiter sind sehr häufig die Treiber von digitalen Entwicklungen in KMUs und nicht umgekehrt», sagt Salzmann. Gerade für KMUs, die oft keine Spezialisten für IT und Digitalisierung haben, seien Mitarbeitende wichtige Know-how-Träger und Impulsgeber. Riedl rät KMUs, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen zu schaffen. «Wer heute das Gleiche wie vor zwei bis drei Jahren macht, hat ein Problem.» Firmen sollten zudem eine attraktive Arbeitsumgebung schaffen. «Das Erbringen von Leistung muss den Mitarbeitern leicht gemacht werden.»

Nur wenn der Mensch im Zentrum stehe, blieben Firmen leistungsfähig, ergänzt Hassler. «Mitarbeiter müssen sich Freiräume und Auszeiten schaffen können, um in Ruhe nachzudenken, um kreativ zu sein und sich zu erholen.»

Ohne Ressourcen keine Experimente

Bleibt die Frage, warum sich viele Schweizer KMUs mit der Digitalisierung schwertun. Der Grossteil wisse, dass die Digitalisierung grosse Veränderungen bringe, sagt Salzmann. Das nötige technische Wissen und die Ressourcen, um sich mit Chancen und Risiken der Digitalisierung auseinanderzusetzen, sei aber nicht immer vorhanden.

Herzig sagt, dass das Management in KMUs die Kernkompetenzen ihrer Firma meist gut kenne. Digitale Transformation sei aber zu oft eine Nebendisziplin. Wichtig sei die Früherkennung digitaler Möglichkeiten und Agilität. Das bedeute, dass man bereit sei, zu experimentieren und bewusst Trial-and-Error-Phasen in Kauf nehme, sagt Herzig.

Die Digitalisierung verlange oft neue Geschäftsmodelle, sagt Riedl. Diese würden aber häufig beträchtliche Risiken mit sich bringen. «Progressive Grossunternehmen machen Experimente, die sich rechnen, wenn jedes Zehnte erfolgreich ist.» KMUs hingegen könnten sich das nicht leisten.

Kundenwünsche ins Zentrum stellen

«Digitalisierung bedeutet nicht, dass jedes Schweizer KMU sein Geschäftsmodell auf den Kopf stellen muss», sagt Hassler im Gespräch mit der Redaktion. KMUs sollten ihre Geschäftmodelle aber ständig herausfordern und entlang der Wertschöpfungskette optimieren. Denn die Digitalisierung individualisiere tendenziell auch die Produktion. «KMUs müssen darum die Wünsche ihrer Kunden genau kennen und ihr Angebot strikt danach ausrichten.»

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