Interview mit August Benz, SBVg

So verändert KI das Bankgeschäft und die Bedrohungslage für den Finanzplatz

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Der Finanzplatz Schweiz steht vor einem tiefgreifenden Wandel. KI verändert das Bankgeschäft, die Berufsbilder und die Bedrohungslage im Cyberraum. August Benz, stellvertretender CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung und Präsident des Swiss Financial Sector Cyber Security Centre, erklärt, worauf es jetzt ankommt.

August Benz, stellvertretender CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) und Präsident des Swiss Financial Sector Cyber Security Centre (Swiss FS-CSC). (Source: zVg; ©perspektiv)
August Benz, stellvertretender CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) und Präsident des Swiss Financial Sector Cyber Security Centre (Swiss FS-CSC). (Source: zVg; ©perspektiv)

Die Arbeitslosenquote in der Schweizer Bankenbranche liegt erstmals über dem Durchschnitt aller Branchen. Liegt das noch an der Credit-Suisse-Integration durch die UBS oder sehen wir gerade, wie KI das klassische Bankgeschäft nachhaltig verändert?

August Benz: Das ist keine neue Entwicklung. Die Arbeitslosenquote im Schweizer Bankensektor ist über die vergangenen Jahre im Gleichschritt mit der Gesamtwirtschaft angestiegen. Dies wird aktuell durch die Integration der Credit Suisse zusätzlich verstärkt. Letztere ist noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig beobachten wir einen tieferliegenden strukturellen Wandel: KI und Digitalisierung verschieben die Nachfrage nach Kompetenzen. Gesucht werden vermehrt analytische, technologische und beratungsnahe Profile. Die sich verändernden Anforderungen sind in den Stellenausschreibungen der Bankinstitute gut erkennbar. Diese Muster sind unabhängig von der Branche typisch in einem Strukturwandel und zeugen davon, wie sich Unternehmen für die Zukunft fit machen.

Viele Bankchefs sprechen bezüglich KI zuerst über Effizienz, Automatisierung und Produktivität. Welche Aufgaben, Funktionen oder Hierarchiestufen geraten in Schweizer Banken aus Ihrer Sicht als Erste unter Druck?

Ich würde die Perspektive verschieben: KI ersetzt selten ganze Funktionen, sondern übernimmt einzelne Tätigkeiten. Zeitintensive Aufgaben wie das Sammeln und Strukturieren von Informationen werden zunehmend automatisiert. Dadurch rückt der Zweck einer Tätigkeit stärker in den Fokus – etwa die fundierte Beurteilung von Risiken oder die optimale Beratung von Kundinnen und Kunden. Weiterhin gefragt sind vor allem Rollen, die Einordnung, menschliches Urteilsvermögen und Kundeninteraktion erfordern.

Wo sehen Sie heute den grössten konkreten produktiven Nutzen von KI im Bankgeschäft?

Den grössten Nutzen sehen wir bei der Effizienzsteigerung, vor allem bei der Verarbeitung grosser Datenmengen. KI wirkt als Verstärker: Sie erkennt Muster schneller, verbessert die Risikobeurteilung und erweitert die Entscheidungsbasis. Gerade in der Compliance ist dies heute nicht mehr wegzudenken, etwa in der Transaktionsüberwachung, wo Geldwäsche- und Betrugsmuster zunehmend in Echtzeit erkannt werden. Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen Effizienz und Produktivität: Effizienz macht Prozesse schneller und günstiger. Produktivität schafft mehr Wert. Gerade hier entfaltet generative KI ihr volles Potenzial. Sie unterstützt Mitarbeitende bei der Informationsaufbereitung oder Dokumentation und schafft damit Freiräume für Analyse und Kundeninteraktion. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten in der Kundenansprache. Bereits heute setzen erste Banken auf integrierte Assistenzfunktionen in ihren Apps, die Nutzerinnen und Nutzern beispielsweise helfen, ihr Ausgabenverhalten besser zu verstehen. Perspektivisch könnten solche Systeme zur ersten Anlaufstelle für Finanzfragen oder zur Vorsorgeplanung werden. Voraussetzung dafür sind jedoch eine klare Strategie der Bank, die passende In­frastruktur, eine entsprechende Governance und vor allem qualifizierte Mitarbeitende.

Viele Institute experimentieren mit generativer und agentischer KI. Welche Entscheidungen darf eine Bank aus Ihrer Sicht an Maschinen delegieren – und wo braucht es zwingend menschliches Urteilsvermögen?

KI kann viel, sie trägt aber keine Verantwortung. Sie strukturiert Informationen und schlägt Optionen vor. Sobald Entscheidungen jedoch finanzielle, rechtliche oder reputative Konsequenzen haben, bleibt menschliches Urteilsvermögen zentral. In der Praxis bedeutet das: Der Mensch bleibt im Regelkreis oder "Human in the Loop". Auch wenn autonome Systeme zunehmend an Bedeutung gewinnen dürften, bleibt Verantwortung ein zentraler Vertrauensanker einer Bank – und damit langfristig ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Akteuren.

Internationale Grossbanken setzen KI bereits in der Anlageberatung, im Risikomanagement und im Handel ein. Wie weit dürfen Schweizer Banken bei der Automatisierung gehen, ohne zentrale Prinzipien wie die Suitability – also die Pflicht zu geeigneten Anlageempfehlungen – zu verwässern?

Basierend auf vollständigen und korrekten Informationen kann KI die Einhaltung von Suitability-Anforderungen sogar präziser und effizienter unterstützen. Durch die bessere Auswertung von Präferenzen und Marktdaten können Anlageempfehlungen stärker individualisiert und fundierter werden. KI kann damit nicht nur die Geschwindigkeit erhöhen, sondern auch die Qualität der Beratung. Die Verantwortung bleibt jedoch bei den Banken. Sie müssen Systeme korrekt implementieren und laufend überwachen.

Und wer trägt am Ende die Verantwortung, wenn eine KI-gestützte Entscheidung zu Fehlentscheiden oder Schäden führt?

Das hängt klar vom Einzelfall ab. Grundsätzlich ist KI ein Werkzeug, kein eigenständiger Akteur. Solange sie von einer Bank eingesetzt und im Rahmen der Kundeninteraktion genutzt wird, ist die Verantwortlichkeit vergleichsweise einfach zuzuordnen. Mit zunehmend autonom agierenden Systemen wird diese Frage jedoch deutlich komplexer, insbesondere wenn solche Systeme nicht von der Bank selbst betrieben, sondern von Dritten entwickelt und bereitgestellt werden und lediglich mit Banksystemen interagieren. Die Haftungsfrage ist heute nicht abschliessend geklärt und gewinnt weiter an Bedeutung. Entsprechend braucht es mehr Rechtssicherheit – sei es durch eine klarere Rechtsanwendung und Rechtsprechung oder gegebenenfalls durch neue regulatorische Leitlinien.

Die Schweiz will beim Thema KI international mitspielen. Was braucht der Finanzplatz, damit Innovationen nicht an unzweckmässiger Regulierung oder übermässiger Risikoscheue scheitern?

Die Schweiz hat mit ihrem technologieneutralen sowie prinzipien- und risikobasierten Regulierungsansatz einen Vorteil, den es zu bewahren gilt. Regulierung sollte dort eingreifen, wo Risiken entstehen – ohne Innovation zu bremsen. Gleichzeitig braucht es eine leistungsfähige und resiliente Infrastruktur, um die Anforderungen einer KI-getriebenen Wirtschaft zu erfüllen. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen stellt sich dabei zunehmend 
die Frage, wie die Schweiz die strategische ­Autonomie über kritische Infrastrukturelemente sichern kann – von Rechenzentren und Energieversorgung über Softwareplattformen und Basismodelle bis hin zu den konkreten Anwendungen.

KI macht Betrug schneller, überzeugender und skalierbarer. Wo sehen Sie aktuell die grösste ­Gefahr für Banken und ihre Kundschaft?

KI ist im Kontext von Betrugsfällen längst Realität. Angreifer nutzen sie, um Angriffe effizienter, skalierbarer und deutlich schwerer erkennbar zu machen. Deepfakes, synthetische Stimmen und KI-generierte Inhalte ermöglichen täuschend echte Identitätsimitationen. Die grösste Herausforderung liegt in der Kombination aus Volumen und Individualisierung. Betroffen sind dabei verschiedene Ebenen gleichzeitig: Kundinnen und Kunden werden zunehmend direkt adressiert, etwa durch personalisierte Phishing-Nachrichten. Digitale Prozesse wie Video- und Online-Identifikationsverfahren werden durch Deepfakes und synthetische Identitäten angreifbar, etwa bei Kontoeröffnungen. Bankmitarbeitende geraten wiederum verstärkt ins Visier, etwa bei internen Freigabeprozessen. Mit autonomen KI-Agenten verschärft sich diese Entwicklung weiter. Angriffe werden lernfähig, dynamisch und schwerer zu stoppen.

Inwiefern sind Schweizer Banken heute technisch in der Lage, KI-generierte Betrugsversuche zuverlässig zu erkennen?

Viele Banken verfügen über fortgeschrittene Systeme, insbesondere zur Erkennung von Anomalien. Dennoch bleibt es ein permanenter Wettlauf, da Angreifer dieselben Technologien nutzen. Entscheidend ist deshalb die kontinuierliche Anpassungsfähigkeit. Zudem haben Angreifer einen strukturellen Vorteil: Sie können schneller experimentieren, während Banken rechtlichen und regulatorischen Vorgaben wie insbesondere zum Datenschutz und Bankgeheimnis unterliegen.

Wie verändern Deepfakes, synthetische Stimmen und manipulierbare biometrische Verfahren derzeit die Sicherheitsarchitektur von Banken?

Deepfakes stellen die Grundannahmen der digitalen Identität infrage. Stimme, Bild und biometrische Merkmale sind manipulierbar geworden. Die Antwort liegt in kombinierten Ansätzen wie Mehrfaktorauthentifizierung, Verhaltensanalysen und kontextbasierten Sicherheitsmechanismen. Sicherheit wird damit weniger statisch und zunehmend dynamisch.

Welche konkreten Fähigkeiten müssen Schweizer Finanzinstitute jetzt aufbauen, bevor KI-gestützte Angriffe zum Normalfall werden?

Mit den Fortschritten von KI ist es noch wichtiger geworden, dass sich nicht nur die Cybersecurity-Spezialistinnen und -Spezialisten mit dem Thema Sicherheit beschäftigen. Gute KI-Kompetenzen und eine klare Governance sind zentral, um diese Tools sicher zu nutzen und die Risiken zu erkennen. Wichtig ist auch, die Kundschaft ebenfalls für die Problematik zu sensibilisieren. Daher setzen wir uns gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Partnern für koordinierte Lösungen sowie eine breit abgestützte Sensibilisierung der Kundinnen und Kunden über alle Zahlungsmittel hinweg ein.

Die Finanzmarktaufsicht (Finma) warnt inzwischen vor neuen systemischen Risiken durch KI – etwa durch automatisiert entdeckte und ausgenutzte Schwachstellen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung und was bedeutet das konkret für die ­Sicherheitsstrategie der Banken?

Die Risiken sind nicht grundsätzlich neu. Aber mit der wachsenden Leistungsfähigkeit der KI-Modelle akzentuiert sich die Dynamik. KI kann Schwachstellen automatisierter, schneller und skalierter erkennen und ausnutzen. Gleichzeitig unterstützt KI die Banken in gleichem Mass dabei, Schwachstellen zu schliessen. Entscheidend ist, diese Entwicklung proaktiv für die Cybersicherheit zu nutzen.

Der Verein Swiss FS-CSC verfügt seit Ende 2023 über einen Notfallstab für Cyberkrisen. Wenn ­morgen ein Cyberangriff mehrere systemrelevante Finanzinstitute gleichzeitig trifft: Wie genau koordiniert sich der Finanzplatz?

Mit dem Swiss FS-CSC verfügt der Finanzplatz über eine etablierte Koordinationsplattform. Finanzinstitute und die Behörden arbeiten hier eng zusammen, um gemeinsam die Cyberresilienz des Finanzplatzes zu stärken. Im Ernstfall bedeutet dies ein gemeinsames Lagebild, abgestimmte Prozesse und Entscheidungen sowie funktionierende Kommunikationskanäle.     

Das Swiss FS-CSC probt regelmässig den Ernstfall. Was haben Sie aus diesen Übungen gelernt? Und wo sehen Sie heute die grössten Lücken im Sicherheitsdispositiv?

Das Swiss FS-CSC organisiert operative und strategische Cyber­übungen, an denen seine Mitglieder mögliche Krisenszenarien durchspielen. Hier testen die Teilnehmenden unter realistischen Bedingungen ihre Notfallpläne und Prozesse in der Praxis. Es gibt immer Verbesserungspotenzial.

Was muss der Finanzplatz Schweiz heute richtig machen, damit KI in fünf Jahren zum Wettbewerbsvorteil wird – und nicht zum systemischen Risiko?

Drei Punkte sind entscheidend: ein innovationsfreundlicher Rahmen, gezielte Investitionen in Kompetenzen und Infrastruktur sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Risiken. Gelingt diese Balance, wird KI die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes nachhaltig stärken.


Zur Person
Seit Juli 2017 ist August Benz Leiter des Geschäftsbereichs Private Banking und Asset Management und seit Dezember 2017 stellvertretender CEO der Geschäftsstelle der SBVg. Zu seinem weiteren Verantwortungsbereich gehören die Themen Europa, Cybersicherheit, Digitalisierung und Sustainable ­Finance. Seit April 2022 ist er auch Präsident des Swiss Financial Sector Cyber Security Centre (Swiss FS-CSC) und seit September 2020 zudem im Vorstand der Asset Management Association Switzerland (AMAS). Seit Oktober 2023 ist er Mitglied im Stiftungsrat von Building Bridges.
Quelle: SBVg

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