Wild Card von Urs Bucher

Regulate!

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KI, KI, KI – die Story geht weiter, und zwar mit maximaler Geschwindigkeit wie auf der deutschen Autobahn ohne Tempolimit! Jeder, wirklich jeder ist auf den Zug aufgesprungen und reist mit.

(Source: Jackie Niam/AdobeStock.com)
(Source: Jackie Niam/AdobeStock.com)

Langsam dämmert vielen Beteiligten, dass wir da wohl die Büchse der Pandora aufgemacht haben. Nun versucht man, zumindest temporär, wieder einen Deckel draufzumachen. Sogar die üblicherweise hochoptimistischen, libertären Tech-Propheten (angeführt von den Herren Elon Musk, Steve Wozniak und Yuval Noah Harari) haben sich zusammengerauft und eine Petition verfasst, in der zu einem sechsmonatigen Moratorium in der KI-Entwicklung aufgerufen wird. Eine durchaus here Absicht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch wirklich etwas bewirkt und man einen Marschhalt einlegt, ist sehr gering.

Auch Politiker und Regierungen verfielen in Aktivismus (irgendwo sind immer bald Wahlen). Von den USA über Italien bis hin zur EU diskutiert man fleissig, verfasst Richt­linien und formuliert Gesetze. Mir schwant Übles; GDPR-Gesetze on steroids, anybody?

Natürlich wäre es essenziell gewesen, Regeln für den Einsatz eines so mächtigen Werkzeugs wie der künstlichen Intelligenz festzulegen. Wir wissen ja schon seit der Steinzeit, dass man Werkzeuge zu unserem Nutzen oder eben zu unserem Nachteil einsetzen kann. Aber das hätte passieren müssen, bevor man das KI-Kind mit dem Bade ausschüttete; jetzt ist’s zu spät.

Aber wir sind ja als Spezies lernfähig, und das wäre bitter nötig, weil das, was wir aktuell mit KI erleben, nur die Vorstufe zu etwas viel Grösserem ist. Die iranisch-amerikanische Professorin Nita Farahany formuliert es in ihrem «TED Talk» vom April 2023 so: «We are at a moment before breakthrough.» Worum geht’s? Platt gesagt: Wir sind sehr bald in der Lage, unsere Gehirne anzuzapfen. Die Technologie ist schon da, sie bewegt sich zurzeit von der Nische in den Mainstream; rein in Consumer Devices, die nicht mehr nur Puls, Herzfrequenz und dergleichen, sondern eben auch unsere Hirnaktivitäten und Gefühle tracken können.

Wem gehören denn dann die gesammelten Daten über unsere Hirnaktivität? Sie ahnen es sicher schon. In Ermangelung entsprechender Regeln und Gesetze sammeln die Gerätehersteller und Softwareentwickler diese Daten fleis­sig und aggregieren sie in Datenpools zur «besseren Nutzung». Das hatten wir doch schon einmal im Marketing, und ich fühle mich leicht unwohl, wenn ich an ein «Micro­targeting» denke, das darauf basiert, was ich irgendwann einmal gefühlt habe.

Noch mehr Evidenz gefällig? Freund Musk hat mit seiner Firma Neuralink letzthin von der Food and Drug Administration (FDA) in den USA die Erlaubnis bekommen, Tests an Menschen durchzuführen. Tests, bei denen Menschen Chips ins Hirn implantiert werden. Die Chips können dann allerlei Gutes bewirken; sie können Demenzpatienten oder Suchtkranken helfen, bei Parkinson, Alzheimer, Depressionen oder Epilepsie Linderung oder sogar Heilung bewirken. Die negativen Nutzungsmöglichkeiten lassen wir jetzt mal beiseite, aber dafür ein Schmankerl am Rande: Die Chips sind so klein, dass Menschen sie nicht implantieren können, dafür braucht’s Roboter. Irgendwie macht mir das es bitzeli Angst, eventuell habe ich aber auch einfach zu viele (schlechte) Science-Fiction-Filme gesehen. 

Selbstverständlich gibt’s schon Schätzungen für das Marktvolumen von «Neuro Brain Technology» – man geht von 38 Milliarden US-Dollar im Jahr 2032 aus. Das entspricht in etwa dem aktuellen Bruttosozialprodukt von Malta – damit Sie die Zahl einordnen können.

Ob wir wirklich lernfähig sind und es schaffen, Leitlinien zu setzen, bevor diese Technologie breit adaptiert wird? Nun, wir werden es sehen, aber ich habe da einen Verdacht ...
 

Hier geht’s zum Song «Regulate» von Warren G

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