Schwerpunkt Datacenter

"Der Selbstbau von Rechenzentren lässt sich finanziell kaum rechtfertigen"

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von George Sarpong

Peter Moebius leitet als Managing Director den Schweizer Standort des Colocation-Anbieters Interxion. Im Interview erklärt Moebius, worauf CIOs bei einem Datacenter-Projekt achten sollten und welche Trends er am RZ-Markt erwartet.

(Quelle: Interxion)
(Quelle: Interxion)

Welche Vorüberlegungen sollten IT-Verantwortliche anstellen, die an einem RZ-Projekt arbeiten?

An erster Stelle der Planung sollten geschäftliche Zielsetzungen stehen: Welche Wertschöpfung soll mit dem RZ erreicht werden? Sind die selbsterbrachten Leistungen wirklich strategisch relevant für das Kerngeschäft? Welche Leistungen sollen selbst und welche durch Dritte erbracht werden?

Welche Gründe sprechen für eine Auslagerung der IT in ein Colocation-Center?

Wir müssen grundsätzlich unterscheiden zwischen dem Auslagern der RZ-Basisinfrastruktur (Carrier- und Cloud- neutrale Colocation) und dem Auslagern des Rechenzentrums einschliesslich der Daten (RZ-Outsourcing). Der Schritt zur neutralen Colocation ist relativ einfach, da er einen maximalen Freiheitsgrad und grosse Kosteneinsparungen ermöglicht. Eine wesentlich weitreichendere Entscheidung ist die Auslagerung der Daten. In diesem Fall stellen sich grundsätzliche Fragen bezüglich der IT-Architektur, der Migration in eine Hybrid Cloud oder regulative Aspekte, um nur einige zu nennen.

Welches sind aus Ihrer Sicht die fünf wichtigsten Kriterien, die CIOs bei einem RZ-Projekt beachten sollten?

IT-Verantwortliche sollten sich vorab folgende Fragen stellen. Ist erstens die zukünftige Wertschöpfung des RZ-Projekts erwiesen? Wurde zweitens die Make-or-Buy-Analyse und die Abwägung der Alternativen zukunftsgerichtet ausgearbeitet? Sind drittens die selbsterbrachten Leistungen skalierbar über die geplante Laufzeit im Hinblick auf die kürzer werdenden Technologiezyklen? Sind viertens die RZ-Leistungen qualitätssichernd mit SLAs unterlegt und zertifizierbar ? Und nicht zuletzt sollten IT-Verantwortliche auswerten, ob im externen Datacenter ein attraktiver Eco-Space, mit einer grossen Community bestehend aus Carriern, Service- und Cloud Providern Internet-Peering-Möglichkeiten besteht.

Manche IT-Leiter fürchten, dass sie mit einem Outsourcing Teile Ihrer Verantwortlichkeit oder gar ihre Stelle verlieren könnten. Was sagen Sie denen?

Diese Fragestellung ist nicht neu und stellt sich seit über 20 Jahren. Sei es von Mainframe- zu Server-Architekturen, Virtualisierung, Offshoring, Software-Defined-Networks und Datacenter, mobile Arbeitsplätze BYOD oder cloudbasierte IT. Jeder dieser  Technologiezyklen kann die Grenzen zwischen Make-or-Buy neu definieren. Die Arbeitsplatzsicherheit ist  – genauso wie in anderen Unternehmensbereichen – innerhalb der IT eng mit der Wertschöpfung der Mitarbeiter im Kerngeschäft verbunden.Was sich mit Sicherheit sagen lässt ist, dass kaum ein Unternehmen ohne modernste IT Bestand haben. Die Transformation vom traditionellen zum digitalen Business ist undenkbar ohne CIOs mit detaillierter Kenntnis der Betriebsabläufe und der Geschäftsstrategie. IT-Verantwortliche sind mitverantwortlich für die Zukunftssicherung des Unternehmens und müssen sich deshalb kaum um ihre Zukunft sorgen.

Wie bewerten Sie die Debatte um Überkapazitäten und die Konsolidierung im Rechenzentren-Geschäft?

Diese Debatte ist eindimensional und verfehlt die entscheidenden Punkte.

Weshalb?

In Europa werden etwa 80 Prozent aller Daten nach wie vor in eigenen Rechenzentren vorgehalten. In den USA liegt die Zahl bei zirka 70 Prozent. Bei vielen Unternehmen gilt noch die natürliche traditionelle Bürostruktur: Die wichtigen Informationen sollen in Griffweite im Stahlschrank, sprich im RZ-Raum nebenan, sicher und verfügbar sein. Allerdings wachsen die Anforderungen an Rechenzentren laufend.

Was sind das für Herausforderungen?

Die Hardware verdichtet sich, es laufen mehr virtuelle Maschinen auf einem Hochleistungsserver, statt auf mehreren Geräten. Der abgetrennte Raum im Bürogebäude lässt sich in den heissen Sommern nicht mehr genügend kühlen, eine Zertifizierung gemäss internationalen RZ-Standards erweist sich als unmöglich, der leerwerdende Teil des Datacenters kann nicht anderweitig benützt werden. Auch die Energie-Effizienz (PUE) des selbstgebauten Rechenzentrums ist nur in seltenen Fällen vergleichbar mit professionellen zweckgebauten Rechenzentren. Der Selbstbau des RZ ist schlichtweg nicht skalierbar. Unterm Strich führt das dann meist zu dem Ergebnis, dass sich der Selbstbau im Vergleich zu Colocation kaum mehr finanziell rechtfertigen lässt. Wir dürfen deshalb mit Zuversicht von einem nachhaltigen Bedarf nach externen Top-Class-Rechenzentren ausgehen.

Bei einer Auslagerung schwingt auch immer die Furcht vor Kontrollverlust mit. Es stellt sich etwa die Frage, wie sich IT-Entscheider vor einem Konkurs ihres Anbieters schützen können?

Bei Colocation bleiben die IT-Systeme weiterhin im Besitz des Kunden, obwohl diese in den Mieträumen des RZ-Betreibers aufgebaut sind. In diesem Sinne unterscheidet sich Colocation gegenüber dem RZ-Outsourcing. Der Kunde kann seine Systeme selbst verschieben. Grundsätzlich sollte ein Konkurs des RZ-Anbieters eine sofortige Beendigung des Vertrages beinhalten. Daneben wird jeder Kunde schon aus Compliance- und Governance-Gründen laufend oder sogar in Echtzeit Back-Ups seines Datacenters durchführen. Letztlich besteht der beste Schutz für den Anwender in der Wahl eines kapitalkräftigen Rechenzentrenbetreibers mit langjähriger erfolgreicher Leistungsbilanz.

Wer haftet, falls ein RZ-Anbieter Konkurs geht?

Die Haftung liegt in diesem Fall beim Datacenter-Anbieter. Wenn der haftende Partner Konkurs geht liegt es beim Liquidator, wie und in welchem Umfang die Verpflichtungen erfüllt werden können. Für den Anwender bedeutet dies, dass er insbesondere die Kreditwürdigkeit des RZ-Betreibers einer genauen Prüfung unterziehen sollte.

Was für Trends sehen Sie am Schweizer Rechenzentrenmarkt?

In der Schweiz werden noch immer zu viele Rechenzentren im Eigenbau erstellt und alte, selbstbetriebene Datacenter erneuert, anstatt dass an diesem Punkt die Make-or-Buy-Frage nochmals grundsätzlich analysiert wird. Dabei gibt es genügend hochqualitative RZ-Drittanbieter in der Schweiz. Und ein RZ-Selbstbau dürfte sich nur noch selten rechtfertigen lassen. Die hybride Cloud wird zudem den Weg zur Nutzung von Colocation-Angeboten stark beschleunigen. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird jede Branche neu definieren. Unternehmen werden alle Energie aufwenden müssen diese Paradigmenwechsel nicht zu verpassen.

Welche Weiteren Entwicklungen erwarten Sie?

Das grosse Wachstum der Cloud wird sich bei den Colocation-Betreibern mit internationaler Ausrichtung konzentrieren. Wir sehen aber auch, dass die Schweiz ein attraktiver Standort für die Speicherung von Daten bleibt.

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