Titelgeschichte: Rechenzentren Schweiz

"Wir werden eine gewaltige Konsolidierung am Markt erleben"

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von George Sarpong

Marco Dottarelli vertritt als Vorstand der IG Colocation beim Wirtschaftsverband Swico die Interessen der Schweizer ­Colocation- und Cloud-Anbieter. Im Interview spricht er über die Trends im Schweizer Rechenzentrenmarkt und erklärt, wann sich ein Outsourcing lohnt.

Marco Dottarelli ist Managing Director von Equinix Schweiz und Vorstand der IG Colocation beim Wirtschaftsverband Swico. (Quelle: Equinix)
Marco Dottarelli ist Managing Director von Equinix Schweiz und Vorstand der IG Colocation beim Wirtschaftsverband Swico. (Quelle: Equinix)

Welche Trends sehen Sie im Schweizer RZ-Markt 2015?

Marco Dottarelli: Die Cloud, besonders die hybride Cloud, ist definitiv im Kommen. Ausserdem spielt der Kostendruck eine Rolle, auch wegen der aktuellen Frankenstärke. Das eröffnet neue Chancen für RZ-Betreiber. Es wird auch für CIOs leichter, Business-Entscheider für entsprechende Projekte zu begeistern.

Was hat sich im Zusammenhang mit der Cloud geändert?

Die Cloud ist generell salonfähiger und die Berührungsängste sind verschwunden. Im Vergleich zu anderen Ländern, wie etwa UK, hinkt die Schweiz zwar hinterher. Aber wir stellen seit 2014 fest, dass sich die Schweizer Unternehmen immer weiter öffnen. Interessanterweise drängen auch immer neue Schweizer Cloud-Angebote auf den Markt. Das wirkt sich positiv auf Colocation-Anbieter aus.

Wie bewerten Sie die Diskussion um Überkapazitäten am Markt?

Grundsätzlich gibt es in der Schweiz keine Überkapazität an Rechenzentrumsfläche. Es kann durchaus kleine Betreiber geben, die vielleicht nicht so durchdacht rechnen. Da kann die Gefahr bestehen, dass etwa durch den Kauf eines gesamten Gebäudes eine riesige Fläche zur Verfügung steht. Das kann manchmal nach einer Überkapazität aussehen. Besonders die grossen Anbieter kalkulieren hingegen so, dass sie sich an ihrer Runrate orientieren können. Es wird erst ab einer gewissen Auslastung des bestehenden Datacenters weitergebaut. So verhindert der Anbieter, unnötig Kapital zu binden.

Droht ein Preiskampf wie bei den grossen Cloud-Anbietern?

Colocation ist immer noch ein Wachstumsmarkt, obwohl er sich bereits konsolidiert. In der Schweiz wuchs der Markt im vergangenen Jahr um rund 20 Prozent. Davon träumen andere Branchen! Aber es ist auch ein Geschäft, das sich immer weniger und grosse Anbieter teilen. Das liegt an den hohen Kosten für Investitionen und Unterhalt.

In letzter Zeit machten Zusammenschlüsse von Anbietern Schlagzeilen. Wie ausgeprägt ist die Konsolidierung am Markt?

Hier gab es auch am Schweizer Markt eine gewisse Ernüchterung, im Vergleich zu vor fünf Jahren, als noch die Goldgräberstimmung in der Branche vorherrschte. Wir hatten auch hierzulande verschiedene Projekte, die inzwischen wieder abgebrochen wurden. Ich rechne damit, dass noch ein paar weitere Anbieter vom nationalen wie internationalen Markt verschwinden und wir eine gewaltige Konsolidierung erleben werden.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das hat schlicht mit der Economy of Scale zu tun. Ab einer gewissen Grösse erreichen Anbieter eine bessere Effizienz und niedrigere Kosten. Das RZ-Geschäft ist momentan gross angelegt, und die grossen Player werden grösser.

Aber es gibt auch Nischenanbieter.

Das ist in etwa vergleichbar mit der Autoindustrie. Es gibt die grossen Hersteller, die unter hohem Kostendruck ein komplexes Produkt zu einem attraktiven Preis anbieten. Genauso wie es die Nischenanbieter gibt, die etwa ein ­Luxus-Auto oder einen hochgezüchteten Sportwagen bauen. Insofern hat jetzt auch die Stunde der Spezialisten im Datacenter-Geschäft ge­schlagen.

Welche Vorüberlegungen sollten IT-Verantwortliche anstellen, die an einem RZ-Projekt arbeiten?

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnt sich der Eigenbetrieb eines Rechenzentrums heutzutage kaum noch. Die Überlegung ist auch unabhängig von der Dimension eines Unternehmens. Es gibt grosse Konzerne, die Installationen bei grossen Colocation-Anbietern genauso nutzen wie kleine Unternehmen. Man kann das am besten mit anderen Branchen wie der Logistik vergleichen. Vor 20 Jahren unterhielten noch viele Unternehmen eine eigene Lagerhaltung. Heute werden Logistikprozesse ausgelagert, da Spezialisten die nötigen Leistungen zu sehr günstigen Preisen besser erbringen können. Colocation-Betreiber sind wie Logistikdienstleister. Sie sind effizienter, da sie sich als Spezialisten ausschliesslich auf dieses Geschäft konzentrieren. Bei der Projektplanung sollten aber auch andere Dinge im Vordergrund stehen, wie die Kommunikation. Die Anbindung an Datennetze ist entsprechend wichtig.

Wie meinen Sie das?

Früher waren Rechenzentren praktisch autark. Die Rechner, etwa in der Verwaltung, waren vor 20 Jahren intern mit dem Datacenter vernetzt. Heute arbeiten Mitarbeiter von unterwegs aus, für Kunden- und Lieferanten-Services werden digitale Verbindungen wichtiger. Weil diese Systeme heute nicht mehr autark funktionieren, ist die Anknüpfung an die Aussenwelt so wichtig. Deshalb sollten IT-Entscheider auf die Interkonnektivität eines Anbieters achten. Ist er Carrier-neutral? Wie gut ist die Anbindung, etwa an andere Netze? Wie viele Provider kann er anbieten?

Welche weiteren Kriterien sollten CIOs bei einem RZ-Projekt beachten?

CIOs sollten sich anschauen, welche Serviceanbieter im gleichen Rechenzentrum vorhanden sind, von denen sie Dienste beziehen können. Hierzu zählen etwa Verbindungen an Cloud-Anbieter. Dieses Kriterium gewinnt eine immer grössere Bedeutung. Insbesondere im Zusammenhang mit der Hybrid-Cloud. Ist die Anbindung gut, wirkt sich das positiv auf die Verbindungsdauer und die Transportkosten aus. Auch die Organisationsstruktur eines Unternehmens spielt eine Rolle. Ist ein Unternehmen international aufgestellt, kann es interessant sein, einen Datacenter-Provider auszuwählen, der ebenfalls in den gleichen Ländern präsent ist. Ein CIO muss sich auch Gedanken über die Kontinuität des Anbieters machen. Wie solide ist dieser? Wird es diesen noch in ein paar Jahren geben?

Wie sieht es aus mit Trends wie Datacenter für bestimmte Branchen?

Diese gibt es durchaus und ergeben auch Sinn. Nehmen wir die Finanzbranche. So ist beispielsweise bei Equinix die sogenannte Matching Engine der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange untergebracht. Das zieht verschiedene Finanz-Trader an, die auf geringe Latenzzeiten für ihren Handel angewiesen sind. Auf diese Weise wird das Rechenzentrum zu einem Marktplatz. Wenn sich Unternehmen einer bestimmten Branche untereinander austauschen wollen, können sie in Echtzeit und ohne Transportkosten miteinander kommunizieren. Dadurch erwachsen Ökosysteme. Das sieht man derzeit auch im Cloud-Geschäft. Ein Firma bietet Infrastructure-as-a-Service an, während eine andere ihre Application-as-a-Service auf der IaaS betreibt. Da ist es ideal, wenn beide im gleichen Datacenter sind. Beide sparen enorme Kosten.

Wie aufwändig ist der Unterhalt für ein Rechenzentrum?

Wenn man ein Datacenter baut, hat man auch laufende Kosten. In den ersten Jahren kann noch vieles über Garantieleistungen finanziert werden. Nach einer gewissen Zeit kommen unweigerlich Servicekosten hinzu. Es ist sehr ratsam, zusätzlich zu investieren. Jedes RZ, auch wenn es gut gewartet wird, veraltet. Es muss kontinuierlich Kapital investiert werden, um das RZ auch während der nächsten zehn Jahre auf dem neuesten Stand zu halten. Das sind Investitionskosten und keine operativen Kosten. Als Richtwert empfehle ich, 3 bis 4 Prozent des Umsatzes in das Rechenzentrum zu investieren.

Das legt die Frage nahe, wie sich IT-Entscheider vor einem Konkurs ihres Anbieters schützen können?

Nur schlecht. Bei diesem Aspekt ist es aber wichtig, dass man genau zwischen Housing und Hosting trennt. Beim Housing stellt der Anbieter nur die Räumlichkeiten plus Infrastruktur zur Verfügung. Das Housing, also Colocation, ist in etwa vergleichbar mit der Betreuung einer Liegenschaft. Wenn ein Hausbesitzer Konkurs geht, gehört das Gebäude einem neuen Anbieter. Beim Hosting ist das anders: Das sind Dienstleistungen innerhalb eines Rechenzentrums. Hier muss der Kunde schauen, wie er vertraglich abgesichert ist. Das ist das Worst-Case-Szenario. Es könnten aber andere Ereignisse auftreten, durch die die SLAs nicht eingehalten werden können.

Was wären das für Ereignisse?

Das könnte ein Stromausfall sein. Nehmen wir an, der Strom fällt aus und die Generatoren springen nicht an. Das Rechenzentrum muss für einen Tag seinen Betrieb einstellen. Was passiert dann? Ein Kunde kann sich dann auf entsprechende SLAs berufen. Es stellt sich aber die Frage, ob ein Colocation-Provider im Haftungsfall finanziell stark genug ist.

Sollte man sich dann an einen grossen wenden?

Alle Anbieter, ob gross oder klein, haben ihre Daseinsberechtigung. Es gibt ja auch verschiedene Kundenkreise, die alle anhand verschiedener Kriterien Angebote auswählen.

Dienen die Tier-Level des Uptime-Institutes der besseren Orientierung bei der Wahl eines Anbieters?

Das kommt darauf an, wer es beachtet: Wenn technische Entscheider auswählen, gewichten sie eher nach technischen Aspekten wie zum Beispiel Erdbebensicherheit. Business-Manager entscheiden hingegen nach betriebswirtschaftlichen Aspekten, wie etwa die Anbindung an Cloud-Provider. Hier spielen die Tier-Level eine untergeordnete Rolle. Das hängt auch damit zusammen, dass alle RZs, die heute gebaut werden, technisch auf dem neuesten Stand sind. Grundsätzlich sind Tier-Level interessant, spielen aber meist eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidungsfindung.

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