Interview

"Wir bauen zurzeit unsere Produktpalette auf Basis von Microservices um"

Uhr | Aktualisiert

Nach der Fusion von Abraxas und VRSG will das neue Unternehmen die öffentlichen Verwaltungen mit Vollgas bei der Digitalisierung unterstützen. Abraxas' Chief Digital Officer Florian Nyffenegger ist als Botschafter für die Digitalisierung bei den Verwaltungen unterwegs.

Florian Nyffenegger, Chief Digital Officer, Abraxas. (Source: zVg)
Florian Nyffenegger, Chief Digital Officer, Abraxas. (Source: zVg)

Sie sind seit Februar 2018 Chief Digital Officer der neuen Abraxas, eine Funktion, die es vorher so nicht gab. Warum braucht Abraxas einen CDO und was sind Ihre Aufgaben?

Florian Nyffenegger: Abraxas positioniert sich als Unternehmen mit seinem neuen Markenversprechen "Für die digitale Schweiz. Mit Sicherheit" und möchte die Verwaltungen in der Schweiz auf ihrem Weg zum Digital Government begleiten. Um unseren Kunden "Digitalisierung" anbieten zu können müssen wir auch selbst end-to-end digital denken. Meine Aufgabe ist es, durch Initiativen innerhalb von Abraxas die Digitalisierung voranzubringen und gegen aussen Verwaltungen bei der Entwicklung von digitalen Prozessen zu unterstützen.

Sie sprechen von Digital Government. Wie unterscheiden sich denn E-Government und Digital Government?

Letztlich geht es ja bei Verwaltungsaktivitäten und Behördengeschäften um Prozesse. Wir unterscheiden zwischen elektronifizierten Prozessen und digitalen Prozessen. Ein elektronifzierter Prozess ist oft ein papierbasierter Prozess, der nun elektronisch, also IT-gestützt abgewickelt wird. Im Kern handelt es sich aber immer noch um einen papierbasierten Prozess. Der funktioniert für sich zwar als elektronischer Prozess ganz gut, doch er ist meist nicht als Teil eines sinnvollen Ganzen konzipiert, sondern eine Insellösung. Wir möchten mit den Verwaltungen den gesamten Prozess neu digital denken. Und digital denken heisst auch, vernetzt denken.

Es geht bei der Digitalisierung in der Verwaltung also auch um Vernetzung?

Genau. Die Digitalisierung der Verwaltung dient der Zusammenarbeit verschiedener Behörden, indem verschiedene Systeme miteinander vernetzt werden. Das bringt einerseits Effizienzgewinne und ermöglicht andererseits ganz neue Dienstleistungen für die Bevölkerung. Die Digitalisierung in der Verwaltung ist eine grosse Chance, papierbasierte Prozesse durch digitale Prozesse abzulösen und durch aktuelle Technologie bestmöglich zu unterstützen. Digitalisierung bedeutet ausser Vernetzung auch Automatisierung. Dadurch kann vieles schneller und einfacher geschehen als vorher. Einfache, repetitive Tätigkeiten sollten an Maschinen aus­gelagert werden, damit sich unsere fachlich sehr gut ausgebildeten Kunden auf die spannenden Themen fokussieren können.

Welche Voraussetzungen müssen für die Digitalisierung der Verwaltung erfüllt sein?

Als Erstes müssen bestehende Prozesse analysiert und auch hinterfragt werden. Nur so kann man erkennen, wo und wie mit aktueller Technologie unterstützt werden kann. Oft müssen dabei auch bestehende Prozesse an die Technologie und ihre Möglichkeiten angepasst werden. Denn Digitalisierung bedeutet, Technologie richtig einzusetzen. Es ist auch unbedingt nötig, die betroffenen Mitarbeitenden in den Verwaltungen im Prozess der digitalen Transformation mitzunehmen und diesen Change-Prozess aktiv zu managen.

Was tut Abraxas, um Verwaltungen bei der Digitalisierung zu unterstützen?

Wir richten unser Angebot entsprechend aus. Abraxas bietet Beratungsleistungen für "Digital Government", gepaart mit vertieftem Fachwissen von Verwaltungsprozessen. Wir sind dabei, unsere Produktpalette auf Basis von Microservices umzubauen und unsere Lösungen mit standardisierten Schnittstellen fachübergreifend zu vernetzen. Das Benutzer­erlebnis wird über alle Lösungen hinweg optimiert. Wir sind als Technologieanbieter jedoch auch davon abhängig, dass die Verwaltungen bereit sind, diese Digitalisierung mit uns in Angriff zu nehmen und den Weg der Transformation zu gehen. Digitalisierung bedeutet Veränderung – und die muss man auch zulassen.

Wie überzeugen Sie denn Ihre Kunden davon, zu ­digitalisieren?

Als Abraxas treten wir als Vermittler auf und zeigen, welchen Mehrwert die Digitalisierung in der Verwaltung für alle Beteiligten – also Ämter, Mitarbeitende, Bevölkerung – bringt. Heutzutage ist den meisten Entscheidungsträgern in Ämtern klar, dass die Digitalisierung der Verwaltungsprozesse unabdingbar ist. Trotzdem braucht es etwas Mut und auch den Willen, etwas zu verändern. Denn seien wir ehrlich: In der Schweiz funktioniert die Verwaltung auch mit papiergestützten Prozessen sehr gut. Da ist auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich ersichtlich, welchen Mehrwert ein – einzelner – digitalisierter Prozess bringt. Kommt hinzu, dass es in einer Übergangsphase nötig ist, den analogen und den digitalen Prozess, im Parallelbetrieb aufrechtzuerhalten. Digitalisierung verursacht Mehrkosten, wenn ein einzelnes Amt einen einzelnen Prozess digital ablöst. Synergien – und dadurch Kostenreduktionen – zeigen sich erst, wenn das mehrere Ämter tun und Prozesse behördenübergreifend digital funktionieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Klar. Mit unserer Lösung "Digitaler Posteingang" haben wir die Briefpost digitalisiert. Das funktioniert so, dass Briefe eingescannt und durch eine Intelligenz automatisch den richtigen Dienststellen im Amt elektronisch zugestellt werden und auch sogleich in den richtigen Fachapplikationen zur weiteren Bearbeitung zur Verfügung stehen. Vor dem "Digitalen Posteingang" musste das Amt eine physische interne Postverteilung betreiben. Je nach Grösse des Amtes ist das eine aufwändige Sache. Nun lohnt es sich aber nicht, eine solche digitale Applikation nur für ein Amt zu bauen. Die Lösung ist, dass wir den "Digitalen Posteingang" als SaaS-Lösung aus der Cloud zur Verfügung stellen. Kunden benötigen so keine eigene Installation mehr und auch der Supportaufwand fällt weg. Früher hätte ein Amt so etwas selbst entwickelt – oder eben nicht, weil es zu teuer gewesen wäre. Heute laufen solche Lösungen in der Cloud. Man entwickelt ein Mal für viele. Wir integrieren bei unseren Entwicklungen auch standardisierte Schnittstellen, auch von Konkurrenzprodukten. Denn nur wenn unsere Systeme einfach an andere Systeme anzubinden sind, können wir die Möglichkeiten der Vernetzung nutzen.

Wie sieht es bei Abraxas mit Trendthemen wie künstliche Intelligenz, Machine Learning, Blockchain etc. aus?

Natürlich befassen wir uns mit diesen Themen und wir haben Spezialisten, die sich vertieft mit der Materie auseinandersetzen. Damit intelligente Maschinen aber Schlüsse aus grossen Datenmengen ziehen und entsprechend "handeln" können, müssen erst die verschiedenen Umsysteme fit gemacht werden. Denn es braucht eine gute, saubere Datenbasis dafür. Momentan ist das Umfeld noch sehr heterogen.

Was halten Sie von der Blockchain?

Für die Blockchain gibt es einige Anwendungsfelder, die wir uns vorstellen könnten. Etwa für die Speicherung von Objekt- und Personenregisterdaten oder auch nur für spezifische Attribute wie Wohnsitzbestätigungen, Betreibungsregisterein­träge, Strafregistereinträge etc. Auf so eine Blockchain-Datenbank könnten dann diverse Akteure zugreifen. Jeder hätte eine eigene Kopie und doch alle aktuellen Daten der anderen Akteure. Dabei wären Datenintegrität und -authentizität jederzeit sichergestellt. Wir werden die Entwicklung sicher im Auge behalten.

Webcode
DPF8_111223

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