Women in Tech - Podium

Julia Aymonier: "Als IT-Frau muss man wie ein Schweizer Sackmesser sein"

Uhr | Aktualisiert

Frauen stellen auch in der Schweizer IT-Branche immer noch die Minderheit dar. Das vorherrschende "Nerd-Image" scheint viele Frauen davon abzuschrecken, sich für einen Informatikberuf zu entscheiden. Julia Aymonier, CIO der Ecole hôtelière de Lausanne, spricht über diese Problematik.

Julia Aymonier, Chief Information Officer der Ecole hôtelière de Lausanne. (Source: zVg)
Julia Aymonier, Chief Information Officer der Ecole hôtelière de Lausanne. (Source: zVg)

Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt?

Julia Aymonier: Ich habe in den frühen 80er-Jahren an der Universität Informatik studiert, und wir waren unter 450 Studenten 4 Frauen. Danach einen Job zu finden, war nicht schwierig, aber in jedem Job, den ich hatte, musste ich immer wieder beweisen, dass ich wusste, wovon ich sprach – im Gegensatz zu meinen männlichen Kollegen. Auch wenn Sie über langjährige Erfahrung verfügen, müssen Sie als IT-Frau wie ein Schweizer Taschenmesser sein und sich in allen Bereichen der IT auskennen, damit Sie beweisen können, dass Sie Ihren Platz am Tisch verdienen und berücksichtigt werden. Um diese Position zu erreichen, musste ich lange Zeit Hard- und Software installieren und mich für alles interessieren, was um mich herum passiert. Und ich muss mich ständig darüber informieren, was es Neues gibt, um in allem immer einen Schritt voraus zu sein. Zum Glück mache ich meinen Job mit Leidenschaft. IT ist für viele Menschen ein Rätsel – ich betrachte sie wie Elek­trizität: Wenn sie funktioniert, ist sie nicht sichtbar, wenn sie aber nicht funktioniert, haben wir ein Problem. Ich glaube, dass ich in solchen Situationen einen Vorteil habe, da Frauen besser in der Lage sind, eine Situation so zu erklären, dass andere sie verstehen können. Das ermöglicht uns, mit Nicht-IT-Mitarbeitern klar und verständlich zu kommunizieren. Maggie Neale von der Stanford University erklärt in ihren Kursen, dass Frauen, die in Führungspositionen erfolgreich sein wollen, oft ihren EQ verstecken oder unterdrücken und sich nur auf ihren IQ verlassen. Ich glaube, dass dies in meiner Generation bei einer grossen Zahl von Frauen der Fall war. Leider hat dieses Verhalten den Eindruck vermittelt, kalt und unnahbar zu sein. Aber ich glaube, das ändert sich allmählich.

Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen an der Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) zu fördern?

Ich bin seit drei Jahren an der EHL tätig und habe in dieser Zeit die Zahl der Frauen in der IT-Abteilung verdreifacht, vor allem unter den Businessanalysten und Projektleitern. In diesen Rollen kommt der von mir erwähnte Kommunikationsvorteil von Frauen zum Zug, denn hier geht es darum, IT in die «normale» Sprache zu übersetzen. Als Mutter verstehe ich aber auch den Druck auf Frauen und Männer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und sich gleichzeitig um eine Familie kümmern zu müssen. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten zu können, arbeiten die meisten meiner Mitarbeiter, sowohl Männer als auch Frauen, in Teilzeit, sodass sie mehr Zeit mit ihren Familien verbringen können. Die EHL bietet auch die Möglichkeit für Mitarbeiter, einen Tag pro Woche von zuhause aus zu arbeiten, was rege genutzt wird. Ich habe allerdings immer noch ein grosses Problem, Frauen für die eher technischen Stellen zu gewinnen. Alle meine Kollegen in der IT-Abteilung werden jährlich evaluiert und ihre Karriere geplant. Ich coache Mentorinnen, die sich für Fortschritte in der Organisation interessieren und ermutige Frauen, Führungsaufgaben zu übernehmen. Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich die erste Frau im Vorstand der EHL in ihrer 125-jährigen Geschichte bin, anderen Frauen in der Organisation als Vorbild dient.

Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur ­Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich?

IT war schon immer eine männlich dominierte Branche und viele Frauen finden das einschüchternd. In der Vergangenheit wurden Frauen in den frühesten Phasen ihrer Ausbildung nicht ermutigt, den mathematisch-technischen Weg zu gehen, was bedeutet, dass die Zahl der Frauen, die die Universität mit einem technischen Abschluss verlassen, begrenzt war. Die Jobs in der IT beinhalteten anfangs allesamt umfassende Tätigkeiten: Man musste in der Lage sein, Geräte zu installieren, Code zu ­schreiben und Probleme zu analysieren. Aufgrund der Komplexität der IT sind die Rollen heute in verschiedene Bereiche aufgeteilt, sodass Frauen, die technisch vielleicht nicht so versiert sind, trotzdem eine Chance haben. Dies hat dazu geführt, dass sich mehr Frauen für IT interessieren und damit den Pool an potenziellen Mitarbeitern vergrössern. Aber das braucht Zeit, man kann Frauen in Jobs zwar fördern, aber wenn es keine weiblichen Kandidaten mit den erforderlichen Fähigkeiten auf dem Markt gibt, dann kann man auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen?

Ich bin leidenschaftlich an meinem Job interessiert und war es schon immer. Frauen müssen verstehen, dass IT nicht nur die Installation von Geräten oder das Schreiben von Code bedeutet, sondern dass es heute viele andere Facetten gibt, die es zu erforschen gilt, vor allem wenn man an die Geschwindigkeit des technologischen Wandels denkt. Dieser Reichtum an Möglichkeiten ist da – und Frauen spielen eine wichtige Rolle. Frauen müssen den entsprechenden Universitätsabschluss erwerben, um diese Möglichkeiten nutzen zu können – sie sollten ihre Karriere planen. Es mag manchmal schwierig sein, aber die Frauen sollten sich nie entmutigen lassen. Es gibt auch immer mehr weibliche Vorbilder in diesen Berufen.

Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern?

Jeder ist heute auf die eine oder andere Weise mit der Technologie konfrontiert, ohne die wir heutzutage nicht mehr leben können. Die Technologie entwickelt sich so rasant, dass fast jedes Jahr neue Arbeitsplätze in der IT geschaffen werden. Diese Arbeitsplätze werden den Frauen noch mehr Jobmöglichkeiten eröffnen, in denen sie ihre einzigartigen Qualitäten wie Kommunikation oder Kreativität zu ihrem Vorteil nutzen können. Um einige Beispiele zu nennen: Damit in der Welt der künstlichen Intelligenz ein virtueller persönlicher Assistent richtig funktioniert, braucht es Linguisten, die die Art und Weise analysieren, wie Fragen gestellt und beantwortet werden. Ein anderer Bereich ist die User Experience, sie ist heute ein sehr wichtiger Bestandteil für den Erfolg von Software. Frauen können hier ihre gestalterischen und kreativen Fähigkeiten einsetzen. Das sich verändernde Arbeitsumfeld wird Frauen auch in Sachen Flexibilität helfen, da wir überall auf der Welt arbeiten und trotzdem Teil eines virtuellen Teams sein können. Wir werden in der Lage sein, unsere Zeit so einzuteilen, dass sie den Anforderungen an das berufliche und private Leben gerecht wird. Dies wird Frauen ermöglichen, ihre berufliche Karriere fortzusetzen, selbst wenn sie eine Familie haben wollen. Frauen müssen sich nicht mehr entscheiden. Diese Veränderung kann für alle nur von Vorteil sein.

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