Jürgen Schmidhuber in Zürich

So gewinnt Europa den KI-Wettstreit

Uhr | Aktualisiert

In Zürich ist das erste Thought Leaders Forum zur künstlichen Intelligenz (KI) über die Bühne gegangen. Forscher Jürgen Schmidhuber erklärte den Besuchern, warum Europa gute Karten im globalen Wettstreit um die Zukunftstechnologie hat. Und er zeigte, wie KI nicht nur unser Leben, sondern das ganze Universum verändern könnte.

KI-Forscher Jürgen Schmidhuber: "In nicht allzu ferner Zukunft wird Intelligenz weit weg von der Erde sein."
KI-Forscher Jürgen Schmidhuber: "In nicht allzu ferner Zukunft wird Intelligenz weit weg von der Erde sein."

Über künstliche Intelligenz (KI) reden viele. Wirklich etwas zu sagen haben aber nur wenige. Einer von ihnen ist Jürgen Schmidhuber. Der Informatiker und Direktor des Tessiner Dalle-Molle-Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz trug mit seiner Arbeit an rekurrenten neuronalen Netzen und Long short-term memory (LSTM) wesentlich zur Entwicklung von KI-Systemen bei. Dies trug ihm Titel wie "Vater der modernen KI" (New York Times) ein.

Schmidhuber trat gestern am "1. Thought Leaders Forum AI" in Zürich auf. Organisiert wurde das Forum von der AI Business School. Die Institution hat sich zum Ziel gesetzt, Unternehmen und die Gesellschaft im Wettstreit um die KI-Technologie fit zu machen. Schmidhuber gab sich in dieser Hinsicht betont optimistisch. Bei der KI-Entwicklung sei Europa schon von Beginn weg führend gewesen.

Das Konzept des Deep Learning sei Mitte des 20. Jahrhunderts von ukrainischen Forschern um Alexey Ivakhnenko ersonnen worden. Die ersten autonomen Autos seien in den 90ern über deutsche Autobahnen gebraust. Und die von Schmidhubers Team entwickelten Techniken kämen heute bei Google, Apple oder Facebook zum Einsatz. Nutzen könne sie aber prinzipiell jeder.

Die neugierige Maschine

KI, davon ist Schmidhuber überzeugt, ist das grösste Thema des 3. Jahrtausends und wird Wirtschaft und Gesellschaft radikal umgestalten. Er setze dabei ganz auf Systeme, welche die menschliche Neugier, Experimentierfreude und Lernbegierde imitieren. Wie ein Baby, das die Welt durch Ausprobieren, Scheitern und Wiederholung entdeckt und zu verstehen beginnt, sollen auch Computer schrittweise dazulernen können.

Schmidhuber schwebt dabei ein Roboter vor, dem der Mensch wie einem Kind ein Handwerk beibringt. Nach ersten Versuchen werde die KI langsam sattelfest, bis sie den Menschen schliesslich an Fertigkeit übertreffe. Der nächste Schritt sei dann, dass sich die Maschine vom Mensch emanzipiere, selbständig Probleme identifiziere und diese zu lösen versuche. Noch sei die digitale Technologie nicht so weit. Es sei aber "schon fast klar, wie wir da hin kommen", sagte Schmidhuber. Eine Voraussetzung hierfür sei die globale Rechenleistung, die aktuell immer noch stark zunehme.

Wie selbstständig lernende KI-Netze dabei helfen können, das räumlich und organisatorisch verteilte Wissen in Spitälern zu bündeln und Menschen mit den richtigen Experten zu verbinden, lesen Sie hier.

Datenbörse soll Europas KI-Wirtschaft voran bringen

KI steht und fällt mit den Daten, mit denen sie lernen könne, sagte Schmidhuber. Es sei deshalb nicht verwunderlich, wenn US-Unternehmen Milliarden Dollar in die Akquisition von Datenfirmen steckten und China riesige Datenbanken über die eigene Bevölkerung aufbaue. Europa sehe sich hier im Hintertreffen, habe aber eigentlich ganz gute Karten. Um mitzuhalten müsse es eigentlich nur eine seiner Stärken nutzen: die Marktwirtschaft.

Schmidhuber schlug eine "Datenbörse" vor, auf der Personen Daten – zum Beispiel über ihre Gesundheit – frei an KI-Firmen verkaufen könnten. Je nachdem, wie individuell, rar und aussagekräftig diese Informationen seien, umso höher sei auch der Preis, den der Einzelne dafür verlangen könne. So liessen sich Anreize setzen, um Daten in die KI-Forschung fliessen zu lassen. "Wir haben noch nicht gegen China verloren", war Schmidhuber überzeugt.

KI 2.0

KI wird heute laut Schmidhuber vor allem für's Marketing eingesetzt – von personalisierter Werbung auf Facebook bis hin zu Serien-Vorschlägen auf Netflix. Durch die selbstlernende Maschine sei aber sehr viel mehr möglich. KI werde menschliche Arbeit billiger ausführen können, als wir das heute tun. Dadurch würden viele Jobs verschwinden.

Gleichzeitig würden aber auch die Roboter so günstig, dass sich Menschen auf der ganzen Welt diese Technologie leisten könnten. In der Debatte um Jobverluste durch die Automatisierung liess Schmidhuber deshalb keinen Zweifel: "Es wird sehr gut sein für sehr viele Leute".

Damit sei die Entwicklung der künstlichen Intelligenz aber bei weitem nicht am Ende angelangt. Maschinen, die sich selbst Ziele setzen, sich Fähigkeiten beibringen und sich auch selbst herstellen könnten, würden dereinst in Sphären vordringen, die für den Menschen unerreichbar seien. Vorausgesetzt, dass wir uns nicht vorher auslöschen, wie Schmidhuber anmerkte.

Das intelligente Universum

Der KI-Forscher schloss sein Referat in intergalaktischen Dimensionen ab. In nicht allzu ferner Zukunft würden sich intelligente Maschinen auf der Suche nach Ressourcen und getrieben von Neugier im Weltall ausbreiten und dieses dabei umgestalten. Damit könnten sie letzten Endes das ganze Universum intelligent machen und auf die nächste Entwicklungsstufe heben, sagte er.

All das werde zweifellos Milliarden von Jahren dauern, viel länger als das Universum heute schon existiere. Und weitaus länger, als der Mensch voraussichtlich noch existieren werde. Da sie nicht an die biologischen Grenzen der Erdenbewohner gebunden seien, wäre das für die Maschinen aber kein Problem – sie hätten alle Zeit der Welt.

"Was wir heute erleben ist mehr als eine weitere industrielle Revolution", so Schmidhuber. "Wir erleben, wie sich der Mensch und das Leben auf der Erde transzendieren." In einer Zeit zu leben, in der wir diese Entwicklung mitgestalten und ihr rasantes Fortschreiten beobachten könnten, sei ein unglaubliches Privileg.

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