Interview mit Georges Grivas

Libra: Zahlungsmittel, Druckinstrument und heisses Eisen

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Kryptowährungen erleben 2019 ein Comeback und Facebook will mit Libra die Bankenwelt aufmischen. Was das für die Finanzbranche, die Krypto-Community und die Schweiz bedeutet, verrät Georges Grivas, Dozent und Studienleiter des CAS Blockchain an der Hochschule Luzern.

Georges Grivas, Dozent und Studienleiter CAS Blockchain, HSLU. (Source: zVg)
Georges Grivas, Dozent und Studienleiter CAS Blockchain, HSLU. (Source: zVg)

Facebook will mit Libra zum globalen Finanzdienstleister werden. Was kommt da auf die Kryptowelt zu?

Georges Grivas: Libra betrifft nicht nur die Kryptowelt sondern die ganze Finanzbranche. Sowohl Banken als auch Regierungen haben den disruptiven Faktor der Blockchain oder generell Distributed-Ledger-Technologien noch nicht vollends erfasst. Mit dem Einstieg einer der grössten Techfirmen der Welt mit Milliarden von potentiellen Nutzern hat sich diese Wahrnehmung schlagartig verändert.

 

Welche Ziele verfolgt Facebook mit einer eigenen Kryptowährung?

"Banking the unbanked" wird als Ziel von Libra kommuniziert. Das heisst, Menschen auf unserem Planeten, die bis dato kein Bankkonto beziehungsweise Zugang zu Finanzdienstleistung haben, genau diesen Anschluss an das Finanzsystem zu ermöglichen. Nach Schätzungen von Facebook sind momentan rund 1,7 Milliarden Menschen vom Finanzsystem ausgeschlossen, wovon zwei Drittel jedoch ein Mobiletelefon mit Internet besitzen, welches für Banking geeignet wäre.

 

Was will das US-Unternehmen sonst noch erreichen?

Während dies ein lobenswerter Ansatz ist, darf nicht in Vergessenheit geraten, dass wir hier einerseits von einem Trilliardenmarkt, andererseits von einem politischen Macht- und Lenkinstrument sprechen. Das heisst, im Endeffekt geht es Facebook darum, Geld zu verdienen und seine Macht auszubreiten. Der teils als vordergründig gespielte humanitäre Ansatz kauft dem Datenmonster Facebook, welches bekanntlicherweise schon mehrere Personendaten-bezogene Skandale hinter sich hat, niemand wirklich ab.

 

Was macht das soziale Netzwerk anders als Bitcoin & Co.?

Es sind zwei verschiedene Weltansichten. Bitcoin ist komplett dezentral. Das heisst, eine Transaktion kann von niemandem manipuliert, rückgängig gemacht oder unterbunden werden. Die Governance ist in der Hand der weltweiten Bitcoin Community – jeder kann mitmachen. Der Bitcoin bezieht seinen intrinsischen Wert vom Code, der Infrastruktur, seiner Knappheit und vor allem seiner Akzeptanz als Währung oder Wertaufbewahrungsmittel.

 

Und Libra?

Libras Governance setzt anfänglich auf 100 private Institutionen, welche der Koordination und Bereitstellung des Fundamentes für die Steuerung des Netzwerkes und der Reserve dienen. Der Libra Coin ist ein Stablecoin, welcher durch eine Reserve an Wertanlagen – Währungseinlagen und kurzfristige Staatsanleihen – gedeckt wird. Grundsätzlich haben die 100 Gründungsinstitutionen, welche gleichzeitig auch die Nodes (Server) betreiben die Möglichkeit, Transaktionen zu bearbeiten das heisst zu verbieten, einzufrieren, und so weiter. Gefällt es beispielsweise den Gründungsmitgliedern nicht, dass Wikileaks eine Spende zukommt, kann dies einseitig verhindert werden. Bei Bitcoin ist dies nicht möglich.

 

Ist Libra also weniger anfällig für kriminelle Handlungen?

An dieser Stelle muss erläutert werden, dass Bitcoin-Gegner häufig das Argument verwenden, dass diese monetäre Aufsichtsfunktion wie zum Beispiel des Einfrierens von Geldern ein wichtiges Instrument sei, welches Bitcoin nicht bietet. Dass so zum Beispiel Terrorfinanzierung nicht unterbunden werden kann. Dies ist nicht ganz zu Ende gedacht, denn bei Bitcoin sind sämtliche Transaktionen öffentlich zugänglich und Bitcoins aus kriminellen Transaktionen können beispielsweise von einer Bank gesperrt, das heisst nicht angenommen werden. Vielmehr ist das Einfrieren von Geldern und Untersagen von Transaktionen ein (geo)politisches Machtmittel, um Interessen durchzusetzen. Die Regierungen wollen dieses Druckmittel nicht verlieren.

 

Welche Chancen hat Libra?

Aus technischer Sicht ist das Projekt zwar eine Herausforderung, aber sicherlich umsetzbar. Mit Facebook ist zudem genügend Brainpower und Funding verfügbar, um das Projekt zum Fliegen zu bringen. In regulatorischer Hinsicht bin ich nicht so optimistisch. Viele Fragen müssen hier geklärt werden. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass in Ländern wie China und Russland ein amerikanischer Token wie Libra nie zum Einsatz kommen wird.

 

Libra ist wie andere Kryptowährungen aus der Politik unter Beschuss. Woran stören sich die Kritiker?

Libra ist ein globales Zahlungssystem und Währung in einem, welches Milliarden von Menschen erreichen kann. Bei Erfolg – langfristig gesehen – ein weltumspannendes Macht- und politisches Druckinstrument. Geführt von privaten Firmen und entsprungen aus dem Gedankengut einer Firma, welche sich bis anhin wenig um den Datenschutz ihrer Nutzer gekümmert hat.

 

Wie könnte die Beziehung Schweiz-USA durch die Debatte um Libra belastet werden?

Libra hat sich geschickterweise für ein Land entschieden, welches sich durch seine Neutralität und Crypto-Freundlichkeit auszeichnet. Dass die Beziehungen nun deswegen belastet werden, sehe ich eher weniger. Die gestartete Debatte um eine weltweite digitale Kryptowährung ist grösser als die Frage der Lokalität des Hauptsitzes.

 

Welche Formen der Regulierung sind für Kryptowährungen überhaupt sinnvoll?

Ich empfinde es als unausweichlich, gewisse Spielrahmen für Kryptowährungen zu setzen. Die Schweiz hat bisher gute Arbeit geleistet.

 

Inwieweit ist es ein Vorteil, dass die Libra Association in Genf zuhause ist?

Wie bereits erwähnt passt es für Libra perfekt in die Marketingstrategie. Die Schweiz kann sich international als attraktiver Standort für Krypto/Blockchain-bezogene Firmen auszeichnen.

 

Gleichzeitig steigt der Kurs des Bitcoin wieder, nach einem Jahr in der Depression. Was hat sich 2019 verändert?

Der Blockchain-Space wird erwachsen. Die Zeit im sogenannten Krypto-Winter wurde produktiv genutzt, um sich weiterzuentwickeln. Sei es in technischer oder regulatorischer Hinsicht. Die erreichte Maturität zieht inzwischen auch institutionelles Geld an. Die Investoren betrachten Bitcoin oder andere Kryptowährungen als interessante Assetklasse, mit welcher sie ihr Portfolio weiter diversifizieren können.

 

Was braucht es, damit sich Kryptowährungen als Zahlungsmittel breit durchsetzen?

Die Skalierbarkeit, das heisst die Anzahl durchgeführte Transaktionen pro Sekunde, sehe ich im Moment als kritischste Komponente, welche notwendig ist, dass sich Kryptowährungen flächendeckend durchsetzen. Es gibt hier interessante Entwicklungen wie beispielsweise Lightning.

 

Wie sind Schweizer Dienstleister und Entwickler in der Fintech-Branche in diesem Kontext aufgestellt?

Die Krypto-Freundlichkeit der Schweiz hat sich ausgezahlt. Es gibt verschiedenste Player in der Schweiz, die sich im Kryptobereich auf Finanzdienstleistungen konzentrieren.

 

In der Boomphase klagte das Crypto Valley, dass die Schweizer Finanzwelt hohe Hürden für seine Start-ups aufstellt. Wie sieht es heute aus?

Der Hype hat sich etwas gelegt, dementsprechend ist auch die Nachfrage nach Finanzdienstleistern etwas gesunken. Des Weiteren sind nun verschiedene Firmen in den Startlöchern die genau diese Lücke füllen wollen. Ich denke hier beispielsweise an die Seba und Sygnum, die nun ihre Banklizenzen erhalten haben.

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