Rückblick - 20 Jahre Netzwoche

2005: Dieses Mal wird alles anders

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Die Dotcom-Krise wirkt noch nach. Deswegen gilt für viele Schweizer ICT-Entscheider die Devise: Bloss nicht dieselben Fehler machen. Einige Branchenkenner können dieser Haltung jedoch nichts abgewinnen. Denn im E-Commerce liegt ein zweiter Frühling in der Luft.

(Source: Netzmedien)
(Source: Netzmedien)

2005 ist ein stürmisches Jahr. Im Frühling kommt es zum Blackout bei den SBB: Das Stromnetz bricht zusammen, kein einziger Zug fährt mehr, 200'000 Reisende stecken fest. Im Sommer hält das Jahrhundert-Hochwasser das Land in Atem. Und im Herbst grassiert das H5N1-Virus; es kommt zu Hamsterkäufen von Tamiflu – obwohl Fachleute immer wieder darauf hinweisen, dass herkömmliche Grippeme­dikamente gegen die Vogelgrippe nichts nützen.

Turbulent geht es auch in der Schweizer IT-Welt zu. Im hiesigen ERP-Markt tobt ein Verdrängungskampf: Nicht nur die Schwergewichte Microsoft, Oracle und SAP buhlen immer aggressiver um die Gunst der Schweizer KMUs, denn ausländische Berater und Integratoren drängen in den Markt, berichtet Redaktor Christian Weishaupt im April.

Die zweite Revolution ist die richtige

Seitdem das Web seinen Kinderschuhen erwachsen ist, gibt es diese Vision von der Firma des Internetzeitalters: vernetzt, flexibel und effizient soll sie sein. Doch die ICT konnte die meisten ihrer Versprechen nicht erfüllen, wie Alessandro Monachesi im Mai schreibt. Nun stehe sie aber kurz bevor: die "zweite und erste echte E-Business-Revolution". Neue Technologien wie Enterprise Content Management und Business Intelligence würden die Digitalisierung der Wirtschaft endlich vorantreiben.

Die Hardware-Anbieter stehen derweil an der Schwelle einer neuen Ära. Sie rüsten sich für das bevorstehende "On-demand-Zeitalter", wie die Schlagzeile der Titelgeschichte im Juni lautet. Mehr und mehr Unternehmen würden x86-Server kaufen, RISC-Prozessoren befänden sich hingegen auf dem absteigenden Ast.

Auch IT-Riesen müssen abspecken

Im Sommer gibt es ein grosses Stellenstreichkonzert: HP und IBM verkünden einen massiven Abbau: Beide Unternehmen wollen jeweils 14'500 Stellen kürzen, was im Falle von HP etwa einem Zehntel der gesamten Belegschaft entspricht. Die beiden Branchenriesen seien zwar unter dem Strich noch profitabel, würden aber unter dem Preisdruck leiden, den "schlanke Konzerne wie Dell und die asiatische Konkurrenz auf sie ausüben", schreibt Sandra Steiner im August.

Eine Zeit lang waren alle ganz begeistert von Google. Doch nun ist die Suchmaschine auf bestem Wege, Microsoft vom Buhplatz Nummer eins zu verstossen: Etliche US-Amerikaner hätten Angst davor, dass ihre Regierung wie auch Unternehmen die von Google gesammelten Informationen nutzen würden, berichtet die "Financial Times". Thomas Hanan müsse über solche Geschichten lachen, berichtet Sandra Steiner von einem Event im September. "Google kennt nur jene Eigenschaften und Präferenzen, die der User freiwillig bekannt gibt", sagte Hanan, der damals den Sales für Google Schweiz verantwortete.

Vom Lädeli-Killer zum vernetzten Dingsda

Eine Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt: Der Kunde der Zukunft kauft online ein. Trotzdem geben sich die grossen Schweizer Detailhändler störrisch: Sie verpassen den Anschluss – das Internet entpuppt sich als "Shopkiller", lautet die Schlagzeile im Oktober. "Das Thema E-Commerce wurde nach dem Platzen der Dotcom-Blase schon einmal totgesagt", lässt sich Migros-Generaldirektionsmitglied Urs Riedener zitieren. Man solle nicht denselben Fehler wie damals machen und das Medium überschätzen.

Was kommt nach dem Internet? Für den Alt-Cyberpunk Bruce Sterling steht bereits im November 2005 fest: "Auf das Internet folgt das 'Internet der Dinge', das heisst digitale Identitäten und digitale Interaktivität physischer Objekte." Aber noch ist es nicht so weit: Das Handy-Fernsehen beispielsweise erweist sich als Reinfall: Telkos wie Swisscom haben wacker in UMTS investiert, aber so gut wie niemand interessiert sich für das Angebot. Branchenkenner Bruno Giussani bezweifelt, dass sich das Mini-TV über den Handyscreen etablieren wird: Zu gross sei heute bereits das Informations- und Entertainment-Angebot.

Die bisherigen Rückblicke auf 20 Jahre Netzwoche können Sie hier nachlesen:

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