Editorial

Die positive Sicht reicht nicht

Uhr | Aktualisiert
René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)
René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)

Vor ein paar Tagen haben wir auf unserer Website die eher pessimistischen Ergebnisse einer Umfrage präsentiert: Mehr als ein Drittel der europäischen Unternehmen hat im Zuge der Coronakrise IT-Personal beurlaubt oder entlassen, wie "The Register" unter Berufung auf Leonne International schreibt. Dabei handle es sich um Sparmassnahmen aufgrund befürchteter Einnahmerückgänge.

Einen Tag später fanden wir eine ähnliche Umfrage – die jedoch scheinbar das Gegenteil aussagte: 7 von 10 Entscheidungsträgern aus der ganzen Welt gaben an, ihre IT-Budgets während Corona nicht gekürzt oder sogar erhöht zu haben, schreibt ebenfalls "The Register", der diese Befragung selbst geführt hatte.

Dass sich die Ergebnisse der beiden Untersuchungen teilweise unterscheiden, war zu erwarten, zumal sie auf verschiedenen Datenquellen beruhen. Doch während die eine Frage ein düsteres Bild präsentierte, zeigte sich die zweite überaus optimistisch.

Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass der Widerspruch wohl gar nicht so gross ist. Denn die "7 von 10 Unternehmen" aus der optimistischen Studie, also grob zwei Drittel, passen ganz gut zum einen Drittel aus der "düsteren" Untersuchung, das seine Budgets kürzt.

Die beiden Geschichten sind sich möglicherweise sehr ähnlich, werden jedoch unterschiedlich erzählt. Umgangssprachlich könnte man sagen: Der eine Artikel sieht das Glas halb leer, der andere halb voll. Im Fachjargon sprechen wir hier von unterschiedlichem Framing. Die verschiedenen Sichtweisen beeinflussen wiederum die Wahrnehmung des Publikums, lassen eine Krise eher als Bedrohung oder als Chance erscheinen.

In dieser Ausgabe der Netzwoche finden Sie beide Sichtweisen. Im Focus zur S4/Hana-Migration (ab Seite 10) lesen Sie etwa, wie die durchaus ­herausfordernde Umstellung der SAP-Systeme als Chance zur Optimierung genutzt werden kann. Dass viele Unternehmen aufgrund der Gesundheitskrise am finanziellen Abgrund stehen und wohl eine Konkurswelle auf uns zurollt, prophezeit Marcel Dobler am Schluss des Magazins auf Seite 31. Dazwischen erfahren Sie, wie verschiedene Unternehmen mit der Coronakrise umgehen, etwa mittels spezieller Webprojekte.

Vieles von dem, was die Gesundheitskrise längerfristig mit uns macht, ist noch im Dunkeln. Eine positive Sicht halte ich für einen ­guten, ersten Schritt, denn er kann Kraft geben, etwas Neues anzupacken. Allerdings reicht es nicht, das Glas halb voll zu sehen. Zu Recht appelliert Marcel Dobler an die Solidarität. Wir sollten Menschen, die im Staub liegen, nicht zurufen, die Krise doch als Chance zu nutzen. Sie dabei zu unterstützen, dass sie ebendies schaffen, sollten wir dagegen umso mehr.

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