Farner-CIO Marc van Nuffel im Gespräch

"Damit sich eine Technologie durchsetzt, braucht es viele Iterationen – und Leichen"

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Seit Juni 2019 gehört Marc van Nuffels Digitalagentur Du Da zu Farner Consulting. Van Nuffel, nach wie vor CEO von Du Da, stieg dort als Chief Technology Officer ein, und wurde im Januar zum Chief Information Officer berufen. Im Interview gibt er Einblick in seine Tätigkeit, schätzt den Blockchain-Markt ein und verrät die Stossrichtung seiner kommenden Projekte.

Marc van Nuffel, CIO, Farner Consulting / CEO, Du Da. (Source: zVg)
Marc van Nuffel, CIO, Farner Consulting / CEO, Du Da. (Source: zVg)

Sie sind seit Januar 2020 CIO von Farner. Gut zwei Monate nach Ihrem Stellenantritt wurde die Schweiz vom Coronavirus eingeholt. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Marc van Nuffel: Wir waren sehr gut vorbereitet. Farner hat heute neun Standorte und unsere Mitarbeitenden sind viel unterwegs und müssen remote arbeiten können. Aber die Situation hat – wie überall – einiges in der digitalen Transformation des Unternehmens noch stärker beschleunigt. Das ganze Team nahm diese Veränderungen in kürzester Zeit an, normalerweise rechnet man bei Prozessänderungen mit mehr Reibungsverlust. Es war auch sehr schön zu sehen, dass in Zeiten der Ungewissheit jede und jeder Verantwortung übernimmt und die Hilfsbereitschaft untereinander zugenommen hat.

Wie hat sich Ihr Alltag durch die Coronakrise verändert?

Im Tagesgeschäft, aufseiten der IT und Entwicklung, herzlich wenig. Wir sind es gewohnt, dezentral Remote Work zu erledigen. Mir fehlt aber der spontane Austausch und das Bauchgefühl beim Führen der Mitarbeitenden. Zudem muss ich viel öfter zwischen Sitzungen, Aufgaben und familiären Verpflichtungen jonglieren, was sehr herausfordernd ist.

Vor bald einem Jahr verkauften Sie Du Da an Farner, sind aber nach wie vor CEO. Wie hat sich Ihre Rolle durch den Verkauf verändert?

Ich persönlich bin in meiner Arbeitsweise sicher strukturierter geworden und schätze das grosse Vertrauen, das uns von Farner entgegengebracht wird. Dann sind die Projekte sehr viel interdisziplinärer geworden und die Zusammenarbeit über Units und Regionen hinweg hat sich verstärkt. Wir leben die Passion, dass Kommunikation und Technologie sich gegenseitig befruchten und beschleunigen. Und wir sind überzeugt, dass unsere Kunden in der Folge davon profitieren, mit Farner die kompletteste Agentur des Landes an ihrer Seite zu haben. Ansonsten glaube ich, immer noch der Alte zu sein, einfach mit vielfältigen Möglichkeiten und einem starken Team im Rücken.

Bei Farner wiederum stiegen Sie als CTO ein und wurden nun zum CIO. Steckt da mehr dahinter als eine neue Jobbezeichnung?

Der Job als CIO ist mehr strategischer Natur. Wir haben nach gut einem halben Jahr beschlossen, den CTO-Posten im Laufe des Jahres 2020 neu zu besetzen, da dieser im operativen Geschäft mehr Zeit braucht, als ich zur Verfügung habe. Meine Zeit soll und will ich verstärkt dem Neukundengeschäft sowie der Co-Creation von Du Da und Farner widmen.

Was macht eigentlich ein CIO einer Kommunikationsagentur?

Man trifft strategische Entscheidungen im Tech Stack, zum Tooling und zum Pipeline Management. Ich bin auch Komplize, Mediator, Dompteur und Anwalt, um den Nutzen der digitalen Transformation aufzuzeigen, Vorbehalte und Ängste zu minimieren und alle betroffenen Parteien ins Boot zu holen.

Was ist Ihr oberstes Ziel als CIO bei Farner?

Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die Mitarbeitenden mit der IT-Landschaft vertraut sind und sich darin intuitiv zurechtfinden. Die IT soll die Mitarbeitenden befähigen und ihnen den Arbeitsalltag erleichtern. Dies betrifft die Wahl der richtigen Tools ebenso wie den Wissenstransfer und bedingt ein hohes Mass an Eigenverantwortung bei den Mitarbeitenden.

Es arbeiten aktuell mehr als 190 Menschen bei Farner. Mit welcher Strategie verwalten Sie die IT so vieler Mitarbeitenden?

Bei Farner haben wir mit sehr vielen sensiblen Daten zu tun. In der Vergangenheit war die IT-Policy deshalb sehr restriktiv. Nun lockern wir diese laufend – in einem geordneten Rahmen, versteht sich – und zwar so, dass wir sowohl dem Bedürfnis nach Flexibilität wie nach Datensicherheit gerecht werden. Das Unternehmen soll sich nicht am kleinsten sicheren Nenner ausrichten, da sonst der Effizienzfaktor stark leidet. Die IT-Strategie sollte verhältnismässig und angemessen an die Projekte und die jeweiligen Vorgaben der Kunden sein. Das ist heute möglich.

Was ist die grösste Herausforderung für Sie als Farner-CIO?

Die richtigen Eisen zur richtigen Zeit aus dem Feuer zu nehmen. Den Blick für die wichtigen Dinge nicht zu verlieren, auch wenn alle Probleme gleichzeitig nach Lösungen schreien. Zum Beispiel der hoch überentwickelte Lichtschalter im Farner LAB, der kaputt ging und den wochenlang niemand reparieren konnte.

Helfen Sie auch bei der digitalen Transformation von Farner mit?

Die digitale Transformation ist ein immerwährender Prozess. Zurzeit stehen sicher Omnichannel, Automatisierung und Daten-Coopetition weit oben auf unserer Agenda. Dazu muss ein Unternehmen stetig Legacy, Daten- und Prozess-Inkonsistenz abbauen, das heisst, hinten aufräumen, damit vorne die Progression schneller wird.

Sie arbeiten oft mit Daten, experimentieren auch mal mit der Blockchain. Wie hilft Ihnen dieses Wissen bei Farner?

Daten sind unser aller Rohöl! Gerade in Bezug auf Ideen und Umsetzungen im Bereich Change, Marketing, Automatisierung und Content Distribution ist ein tiefgreifendes Wissen unerlässlich. Bezüglich Blockchain haben wir soeben ein innovatives App-Produkt namens "ecoo" lanciert, indem wir lokale Zahlungsmittel für die öffentliche Hand alltagstauglich und für jedermann zugänglich machen, dies im Rahmen von Anreizen für das lokale Gewerbe in Städten und Gemeinden. Die Stadt Wetzikon mit ihren 25 000 Einwohnern übernimmt diesbezüglich eine Vorreiterrolle. Zeit-, orts- und zweckgebundene Zahlungsmittel haben in vielen Anwendungsfällen ein grosses Potenzial!

Sie sind auch Gründer von Karma.run, einem Unternehmen, das sich auf moderne Datenbanken und die Blockchain spezialisiert hat. Für wen entwickeln Sie diese Lösung?

Das Unternehmen hat sich in den letzten Monaten und Jahren zum Provider einer modernen Open-Source-Newsroom-Software entwickelt. Diese wird aktuell im Rahmen der Förderung von kleinen und mittleren Newsprovidern sowie Verlagen unter der Nutzung des We.publish-CMS genutzt. Im Kern steht das Anliegen, dass sich unterschiedliche Redaktionen in verschiedenen Peering-Netzen zusammenschliessen und redaktionelle Beträge teilen können und so dezentral strukturierte Content-Portale geschaffen werden können. Es ermöglicht zudem globale Debatten auf einem Beitrag. Wir glauben sehr an dieses Konzept, es ist gelebte Data Coopetition. Das Konzept ist auch sehr spannend für Unternehmen mit Ablegern, die regional individuelle Bedürfnisse haben und diese dennoch in einem globalen Auftritt zusammenfassen wollen. Das Vermeiden von Dubletten fördert zum Beispiel sowohl Aktualität und als auch die direkte Kontrolle für den Urheber.

Welches Anwendungsszenario von Karma.run hat Sie besonders beeindruckt?

Die Idee von Karma.run ist seit dem ersten Tag, validierte mehrdimensionale Daten zu speichern und diese strong consistent horizontal skalieren zu können. Also, die Konsistenz einer klassischen SQL-Datenbank mit No-SQL Features zu mixen. Dies ermöglicht den Entwicklern, Datenobjekte in der Applikation fast ganz ohne Validierung und aufwändiges Ummappen zu verwenden. Leider mussten wir mangels Investment bisher auf die horizontale Skalierung verzichten und haben uns auf den Newsroom-Case konzentriert.

Viele Unternehmer, die Blockchain-Projekte umsetzen, bangen derzeit um ihre Zukunft. Sind Sie noch optimistisch für die Blockchain?

Ich bin sehr zuversichtlich, was Blockchain angeht. Wie erwähnt gibt es schon jetzt sinnvolle Cases! Man kann auch nicht erwarten, dass sich eine Technologie nachhaltig in nur wenigen Monaten durchsetzt. Dazu braucht es Zeit und viele Iterationen – und Leichen.

Gemäss Ihrem Linkedin-Profil geben Sie gerne Wissen und Erfahrung an andere weiter. Welchen Rat würden Sie einem frischgebackenen CIO erteilen?

Sei immer freundlich, neuen Ideen aufgeschlossen, ausgewogen, bleibe frech und progressiv, glaube an das Gute und bleib Dir selbst treu.

Und was sagen Sie den Spitzenmanagern besonders häufig, die sich an Sie wenden?

Kontinuität zahlt sich aus. Investieren Sie nicht ein Mal, investieren Sie stetig und fortwährend, seien Sie mutig und haben Sie Vertrauen.

Die Netzwoche und Best of Swiss Web feiern dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Welche Erinnerungen haben Sie an das Jahr 2000?

Wir haben uns damals im Volkshaus geschworen, dass alles, was bei Best of Swiss Web passiert, auch dort bleiben wird, mal abgesehen von unseren Projekten. Aber es sind sehr schöne Erinnerungen an eine wilde Zeit, in der wir alles für möglich hielten. Eine ganze Welt tat sich vor uns auf: florierende Innovation, Unternehmertum und Mut. Man sollte nicht alten Zeiten nachtrauern, aber sich ab und zu ein Stück der lockeren progressiven Art von damals zurückzuholen, täte uns allen gut!

Sie haben schon Unternehmen gegründet, Apps und Websites lanciert. Was reissen Sie als Nächstes an?

Mein Interesse richtet sich derzeit auf hochskalierbare Cloud-Applikationen – die letzten Projekte waren für Swissmilk und die Corona-Kommunikation des BAG und des Seco. Bei Du Da haben wir schon seit Längerem einen voll darauf ausgerichteten Tech Stack, aber der Betrieb und die Überwachung der Applikationen – besonders im SLA-Bereich – bleibt zu oft im Development hängen. Und ein SRE-Modell können sich nur die ganz Grossen leisten ... einmal abgesehen vom Kindermädchen-, Putz- und Wäscheroboter, den ich seit mehreren Jahrzehnten konzipiere.

Zur Person: Marc van Nuffel ist Gründer und seit 2003 CEO der Digitalagentur Du Da. 2015 startete er zudem das Unternehmen Karma.run, das sich auf Daten und Blockchain spezialisiert hat. Van Nuffel wohnt in Zürich, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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