Empfiehlt Wechsel zu Tochterunternehmen

Swisscom gibt Webhosting-Geschäft auf – Kunden erhalten Kündigung

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von René Jaun und yzu

Swisscom zieht sich aus dem Geschäft mit Websites und Webhosting zurück. Bestehende Verträge kündigt der Telko und empfiehlt meistens ähnliche Angebote seiner Tochterfirmen. Kunden müssen aktiv werden, Zeit investieren und manchmal auch Geld.

Swisscom gibt Webhosting-Geschäft auf (Source: zVg)
Swisscom gibt Webhosting-Geschäft auf (Source: zVg)

Dicke Post für Swisscom-Kundinnen und -Kunden, die beim Telko eine Website, ein Hostingpaket oder eine Domain gebucht hatten. Sie erhielten im Dezember 2023 die Kündigung der entsprechenden Verträge. Die Vertragsauflösung erfolgt per 31. Mai 2024. "Wir entschuldigen uns vielmals für die entstehenden Aufwände und danken Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen in unsere Services", schreibt das Unternehmen in einem solchen Brief, welcher der Redaktion vorliegt.

Zu dem eingestellten Services gehören das Homepage-Tool, Web- und E-Mail-Hosting sowie der Domain-Service, wie aus einem FAQ-Dokument (PDF), hervorgeht, auf welches Swisscom in den Briefen verweist. Als Begründung für die Kündigungen heisst es, man habe sich im Rahmen einer Überarbeitung des Portfolios entschieden, "das Angebotsspektrum zu verändern und den Fokus vermehrt auf andere IT-Lösungen zu setzen". Die Kompetenzen im Bereich Website und Webhosting bündle man künftig bei den Tochterfirmen, die bereits in diesen Geschäftsfeldern tätig seien.

Möglicherweise Tausende Kunden betroffen

Auf Anfrage schreibt Swisscom, der Entscheid zur Einstellung der Dienste sei im Herbst 2023 gefallen. "Die Kunden wurden erst jetzt informiert, da wir zuerst klären wollten, welche Alternativen wir ihnen bieten können."

Entsprechend legt Swisscom den Vertragskündigungen auch Übernahmeangebote bei. Je nach gebuchter Dienstleistung handelt es sich dabei um Angebote der Swisscom-Töchter Localsearch, MTF Solutions und Global IP Action respektive des Swisscom-Partners Serv24, wie aus dem FAQ-Dokument hervorgeht. "Selbstverständlich steht es Ihnen frei, zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Dafür lassen wir Ihnen mit rund sechs Monaten Kündigungsfrist genügend Zeit, um nicht überstürzt wechseln zu müssen"; fügt das Unternehmen hinzu. Laut Swisscom wären die Verträge gegenseitig mit Monatsfrist kündbar.

Wie viele Kunden eine solche Kündigung erhalten haben, will der Telko auf Anfrage nicht angeben. Eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle, die nicht namentlich genannt werden will, spricht von rund 20'000 Kündigungsbriefen, die verschickt worden sein sollen.

Zur Frage, ob Swisscom aufgrund der Einstellung der Services Mitarbeitende entlässt, schreibt das Unternehmen: "Innerhalb Swisscom gibt es einige wenige dedizierte Mitarbeitende auf diesen Produkten. Je nach Qualifikationen wird eine interne Versetzung angestrebt. Abbau ist aufgrund des Portfolioentscheides keiner vorgesehen."

Geringster Aufwand, wenn man das Angebot annimmt

Wer ein Kündigungsschreiben erhalten hat, sollte bald handeln. Den etwa bei Swisscom gehostete Websites sind ab Juni 2024 nicht mehr erreichbar, wie aus dem FAQ-Dokument hervorgeht. Gebuchte Domains lassen sich zwar bis und mit 31. Mai 2024 noch verlängern, allerdings schaltet Swisscom auch das Control Center des Domain-Service Ende Mai ab.

Den geringsten Aufwand dürften jene Kundinnen und Kunden haben, die das von den jeweiligen Swisscom-Töchtern oder Partnern unterbreitete Angebot annehmen. "Bei den von uns empfohlenen Firmen muss der Kunde lediglich sich beim entsprechenden Unternehmen anmelden und eine Vollmacht unterschreiben, dann wickelt die Firma die Migration für ihn ab und die Daten werden "gezügelt". Abschliessende Schritte, wie das Anpassen des E-Mail-Clients, können nur vom Kunden ausgeführt werden. Es gibt daher einen kleinen Aufwand - aber klar weniger, als wenn die Kunden zu einem anderen Anbieter auf dem Markt wechseln", schreibt Swisscom dazu auf Anfrage.

Die grösstenteils automatisierte Migration zum neuen Anbieter sei für den Kunden mit keinen zusätzlichen Kosten verbunden, zumindest was den Wechsel zu Localsearch. MTF Solutions oder Serv24 angeht. Auch die Kosten für die von diesen Firmen erbrachten Services bleiben gleich – Die Unternehmen hätten "sowohl im Umfang und auch im Preis ein nahezu identisches Angebot geschnürt", wie Swisscom in den FAQ-Abschnitten zu MTF Solutions und Serv24 schreibt. Auch Localsearch verspricht "die bisher bei der Swisscom gebuchten Homepage-Tool-Leistungen weiterhin zu gleichen Konditionen" auf seiner Website.

Nicht ohne Mehrkosten geht der Wechsel zum Anbieter Global IP Action vonstatten. Swisscom empfiehlt dessen Leistungen jenen Kunden, die Domain-Registrierungen und Domain-Services gebucht hatten. Swisscom schreibt dazu auf Anfrage: "Wechselt der Kunde zu Global IP Action muss er nichts weiter tun (ausser die ihm von Swisscom gesendete Vollmacht bestätigen). Bei einem anderen Anbieter müsste der Kunde die DNS-Zone selbst migrieren, bei Global IP Action übernimmt das die Firma für den Kunden, genauso wie die Datenbereinigung. Global IP Action verrechnet für das 9.50 Franken pro Domain."

Auch Peter Leuzinger, CEO von Global IP Action, bestätigt die einmalige Bearbeitungsgebühr "für Datenbereinigung und Sicherheit der DNS-Zone mit DNSSEC, wenn DNS über uns läuft". Der Transfer von Domains gehe nicht ohne manuelle Arbeit, erklärt er: "Im besten Fall verursacht eine Domain 10 Minuten Aufwand. Es kann aber auch einmal eine halbe Stunde dauern." Allerdings falle die Gebühr nicht pro Domain, sondern pro Kundenanmeldung an, stellt Leuzinger klar. Und er betont, dass er sich mit der Gebühr keineswegs bereichere: "Ich würde Verlust machen, würde ich auf die Gebühr verzichten", sagt er. Jenen, die die 9.50 Franken nicht zahlen wollten, stehe es frei, ihre Domain zu einem anderen Anbieter umzuziehen.

Anbieterwechsel gibt viel zu tun

Die Kündigungsschreiben von Swisscom sorgen für Unmut. "So geht man nicht mit Kunden um", ärgert sich jemand im Nutzerforum. "Jahrelang Hostings anpreisen und Swisscom Stammkunden damit anlocken und dann innert 5 Monaten alle rauswerfen." Ein anderer User bedankt sich ironisch "für dieses tolle Weihnachtsgeschenk! Danke, dass ich innert 5 Monaten eine neue Homepage inkl. Webshop aus dem Boden stampfen darf."

Tatsächlich kommt auf jene Kunden, die sich für einen anderen als von Swisscom empfohlenen Anbieter entscheiden, mitunter viel Arbeit zu. Im Falle von Webhostings etwa müssen Daten via FTP sowie MySQL-Datenbanken umgezogen werden. Noch mehr Arbeit steht für User des Homepage-Tools an, denn da es sich dabei um eine unternehmenseigene Software-as-a-Service-Lösung handelt, können damit erstellte Websites nicht komplett zu einem Drittanbieter migriert werden. Stattdessen müssen User ihre beim Homepage-Tool hinterlegten Daten (Texte, Bilder und so weiter) exportieren und dann damit eine neue Website aufbauen - "zum Beispiel mit dem Do-it-yourself-Tool eines anderen Anbieters oder mit Hilfe eines Webdesigners", wie Swisscom schreibt.

Hilfe erhalten die Kundinnen und Kunden möglicherweise bei ihrem künftigen Hoster, wie ein User im Swisscom-Forum schreibt: "Manche Hosting-Anbieter bieten genau für solche Aktionen einen Umzugsservice an. Oder zumindest ausführliche Anleitungen und auch Support."

Im 3. Quartal des Geschäftsjahres 2023 verzeichnete Swisscom einen Umsatzrückgang im Schweizer Kerngeschäft. Der Rückgang resultiere vor allem aus den Telekomdiensten im Business-Bereich, teilte das Unternehmen mit. Gleichzeitig gab es eine zunehmende Nachfrage im IT-Bereich bekannt, wie Sie hier lesen können.

 

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