Digitale Bundesverwaltung

Bund wiederholt bei IT-Schlüsselprojekten alte Fehler

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von Joël Orizet und Netz-KI Bot und rja

Die wichtigsten Digitalisierungsprojekte des Bundes kämpfen laut der Eidgenössischen Finanzkontrolle weiterhin mit grundlegenden Mängeln. Viele Vorhaben leiden unter schwacher Steuerung, unklarem Nutzen und einem schlecht vorbereiteten Übergang in den Betrieb - obwohl die EFK ähnliche Defizite bereits 2016 kritisierte.

(Source: dendron / stock.adobe.com)
(Source: dendron / stock.adobe.com)

Die grössten Informatik- und Digitalisierungsprojekte des Bundes kämpfen noch immer mit denselben strukturellen Problemen wie vor zehn Jahren. Das zeigt ein Synthesebericht (PDF) der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK), die 24 Prüfungen aus den Jahren 2024 und 2025 ausgewertet hat. Im Fokus stehen Schlüsselprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt drei bis fünf Milliarden Franken.

Schon 2016 hatte die EFK auf wiederkehrende Schwachstellen bei solchen Vorhaben hingewiesen. Laut dem aktuellen Bericht haben es Departemente und Verwaltungseinheiten seither nicht geschafft, diese Erkenntnisse nachhaltig in ihren Organisationen oder in Folgeprojekten zu verankern. Die Finanzkontrolle nennt fünf zentrale Defizite, die weiterhin bestehen: Mängel in der Projektführung, fehlende Portfoliosteuerung, unklare Nutzenversprechen, schwierige föderale Strukturen sowie unzureichend vorbereitete Betriebs- und Supportorganisationen.

Governance bleibt die grösste Baustelle

Die Projektführung zählt laut EFK weiterhin zu den grössten Schwachstellen. Mehrere Vorhaben planen wichtige Meilensteine nicht bis zum Projektende, berücksichtigen zentrale Abhängigkeiten zu wenig oder stützen ihre Kostenplanung auf grobe Schätzungen. Auch das Risikomanagement bleibt laut EFK oft zu formal: Die Projektteams erfassen Risiken zwar, prüfen aber zu selten, ob ihre Gegenmassnahmen tatsächlich wirken.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Nutzen der Projekte. Viele Vorhaben formulieren ambitionierte Ziele, legen aber keine belastbaren Kennzahlen fest. Damit können sie später kaum nachweisen, ob sie die versprochenen Verbesserungen tatsächlich erreichen. Die EFK sieht darin ein zentrales Problem für die Wirtschaftlichkeit: Wenn der Bund den Nutzen nicht misst, bleibt unklar, ob die investierten Mittel den erwarteten Mehrwert bringen.

Bund und Kantone bremsen sich gegenseitig aus

Besonders schwierig bleiben Vorhaben, bei denen Bund, Kantone und weitere Anspruchsgruppen zusammenarbeiten müssen. Laut EFK definieren die Beteiligten ihre Rollen oft zu wenig klar. Gemeinsame Daten, harmonisierte Prozesse und verbindliche Vorgaben fehlen teilweise. Das führt zu zusätzlichem Abstimmungsaufwand, redundanter Datenhaltung, Verzögerungen und Mehrkosten.

Die EFK nennt unter anderem Vorhaben im Gesundheitswesen, im Agrar- und Ernährungssektor sowie beim Bevölkerungsschutz. Auch sicherheitskritische Projekte geraten dadurch unter Druck. Beim Werterhalt des Sicherheitsfunksystems Polycom etwa verweist die Finanzkontrolle auf offene Fragen bei der Cyberüberwachung im föderalen Umfeld.

Agile Methoden lösen die Grundprobleme nicht

Die Finanzkontrolle sieht auch Spannungen zwischen agilen Arbeitsweisen und der klassischen Projektsteuerung des Bundes. Agile Methoden versprechen zwar flexiblere Entwicklung in Etappen. In der Praxis fehlen den Verwaltungseinheiten laut EFK aber häufig die nötigen Kompetenzen, Zielbilder und Personalpläne. Dadurch bleiben die erwarteten Effekte aus oder verschieben sich um Jahre.

Zudem prallen Produktlogik und Projektlogik aufeinander. Während sich viele Vorhaben iterativ weiterentwickeln, bleiben Budgetierung, Beschaffung, Terminsteuerung und Reporting stark projektbasiert. Die EFK kann aus ihren Prüfungen deshalb nicht ableiten, ob agile oder klassische Vorhaben Termine und Budgets besser einhalten.

Betrieb kommt zu spät in den Blick

Auch der Übergang in den Betrieb bereitet dem Bund weiterhin Mühe. Mehrere Vorhaben konzentrieren sich laut EFK zu stark auf die technische Umsetzung und kümmern sich zu spät um Prozesse, Zuständigkeiten, Support und Personal. Dadurch müssen Ämter Altsysteme länger weiterführen oder versprochene Optimierungen in Folgeprojekte verschieben.

Das kann teuer werden. Beim Programm "SUPERB" etwa führten offene Fragen zur Betriebsorganisation zu einer Verschiebung um neun Monate. Beim Zollprogramm "DaziT" waren Teams bei der Einführung von Passar 1.0 laut EFK aus Ressourcensicht unzureichend vorbereitet. Besonders sensibel ist aus Sicht der Finanzkontrolle die E-ID: Wenn eine staatliche Identitätslösung das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen soll, habe der Bund faktisch keine zweite Chance.

Die Bundeskanzlei teilt die Einschätzung der EFK teilweise. In ihrer Stellungnahme verweist sie auf laufende Massnahmen zur stärkeren Steuerung der digitalen Transformation. Der Bundesrat habe die Bundeskanzlei im März 2026 beauftragt, gemeinsam mit den Departementen die Governance weiterzuentwickeln. Ziel sei ein Wechsel von vielen individuellen Digitalisierungslösungen hin zu mehr Zusammenarbeit und mehr gemeinsamen Lösungen.

Gleichzeitig relativiert die Bundeskanzlei den Befund der EFK. Der Bericht berücksichtige 20 Schlüsselprojekte, während die Bundesverwaltung jährlich rund 200 Projekte abschliesse - die grosse Mehrheit davon erfolgreich. Die Kritik der EFK bleibt dennoch deutlich: Viele Probleme sind bekannt, teuer und wiederholen sich seit Jahren.

 

Künftig sollen übrigens alle Bundesprojekte ab einer Million Franken eine Synergieprüfung durchlaufen. So will der Bundesrat IT-Projekte in der Verwaltung stärker steuern und teure Alleingänge verhindern - lesen Sie hier mehr dazu.

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