Swico Winner Talk

Digitale Maut, Geschichten aus dem Ländle und ein Guide fürs Museum

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Am Swico Winner Talk haben die Gewinner von Best of Swiss Apps 2019 gezeigt, wie sie ihre Projekte umgesetzt haben. Die Besucher diskutierten darüber, was den Erfolg einer App ausmacht, was die Entwicklung bremst und wie man aus Fehlern lernen kann.

Michael Schütz (l.), Projektleiter "Via" bei der Eidgenössischen Zollverwaltung und David Bach, Head of Mobile Bern bei TI&M. (Source: Netzmedien)
Michael Schütz (l.), Projektleiter "Via" bei der Eidgenössischen Zollverwaltung und David Bach, Head of Mobile Bern bei TI&M. (Source: Netzmedien)

Was macht ein erfolgreiches App-Projekt aus? Und wie gewinnt man einen Award bei Best of Swiss Apps? Die diesjährigen Gewinner liessen sich zumindest ein bisschen in die Karten schauen. Am Swico Winner Talk gaben sie Tipps und diskutierten die Höhe - sowie Tiefpunkte ihrer Projekte.

 

Der Anlass soll Gelegenheit bieten, sich offen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und vielleicht auch unbequeme Fragen zu stellen, wie Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Wirtschaftsverband Swico, zur Begrüssung sagte. Es würden bisweilen vertrauliche Details zu den Projekten verraten, die nicht ohne Rücksprache mit den Rednern den Raum verlassen sollten. "Die Referenten sollen sich frei fühlen, den Deep Dive zu machen", sagte Palmisani.

 

Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Wirtschaftsverband Swico. (Source: Netzmedien)

 

Den Grenzübergang neu gedacht

Als erstes sprachen die Macher des Masters darüber, was bei der Entwicklung von VIA Strassenabgaben besonders gut lief – und womit das Team hadern musste. Tricky war das Thema Usability, wie Michael Schütz, Projektleiter "Via" bei der Eidgenössischen Zollverwaltung sagte. "Wir haben uns intensiv mit den Zielgruppen auseinandergesetzt, mit ausländischen Fahrzeughaltern gesprochen, insbesondere Carchauffeuren, aber auch mit den Zollmitarbeitern – all diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu verstehen, war nicht selbstverständlich."

 

Das Ziel war ambitioniert. Denn es ging nicht einfach nur darum, die Strassenabgabe beim Grenzübergang digital abwickeln zu können. Sondern: "Wir wollten den gesamten Prozess von A bis Z neu modellieren", sagte Schütz.

 

Agil geht auch beim Bund

Und mit der Budgetierung von Bundesprojekten sei das so eine Sache: "Dem Bund muss man erst mal schreiben, bevor man Geld bekommt", sagte Schütz – und spielte damit darauf an, dass IT-Projekte in der Bundesverwaltung typischerweise nach dem traditionellen Wasserfallmodell aufgegleist werden und die Budgets jahrelang im Parlament verhandelt werden. Umso glücklicher sei das Team hinter "Via", dass sich das "Risiko der agilen Entwicklung" gelohnt habe.

 

David Bach (l.), Head of Mobile Bern bei TI&M und Michael Schütz, Projektleiter "Via" bei der Eidgenössischen Zollverwaltung. (Source: Netzmedien)

 

"Dass wir ein agiles Vorgehen etablieren konnten, hat uns besonders gefreut", sagte David Bach, Head of Mobile Bern bei TI&M. Ebenso positiv überrascht habe die Nutzerorientierung, die von Anfang an mitgedacht worden sei. Und: "Dass wir ein Budget für den Style Guide bekommen haben".

 

Ein Gast, hörbar erstaunt, fragte: "Ein agiles Projekt ohne Fixkostenofferte – wie habt ihr das beim Bund durchgebracht?" Eine Kostenschätzung habe es von Anfang an gegeben, sagte Bach. Zudem sei monatlich abgerechnet worden, den "Kontrollern" habe man laufend den Stand der Dinge gezeigt. Das alles steht heute unter dem Begriff "Stakeholdermanagement" – ein wichtiger Punkt, gerade für grosse IT-Projekte.

 

Geschichte braucht Zeit

Auch hinter "LIstory" stand ein hochgestecktes Ziel: Die Geschichte des Fürstentums Liechtenstein vor Ort erlebbar zu machen. Wie das funktioniert? Mit einer Progressive Web App (PWA) und Augmented Reality (AR). Das Projekt startete vor zwei Jahren, als AR kaum massentauglich war, wie Martin Knöpfel, Bereichsleiter Marketing und Kommunikation bei Liechtenstein Marketing sagte. Trotzdem sei klar gewesen: "AR ist das einzig richtige Medium für unser Ziel."

 

Der grösste Pain Point? Ganz klar: die Zeitreserven. "Obwohl wir früh anfingen, haben wir die Herausforderungen des historischen Contents unterschätzt", sagte Knöpfel. Selbst mit vier gelernten Historikern im Team habe es anderthalb Jahre gedauert, die Inhalte auszuwählen, zu übersetzen, aufzubereiten und die Nutzungsrechte abzuklären.

 

Robin Waibel (l.), Managing Patner bei Bitforge und Martin Knöpfel, Bereichsleiter Marketing und Kommunikation bei Liechtenstein Marketing. (Source: Netzmedien)

 

Auch für die Entwickler der App sei der Content eine besondere Challenge gewesen, sagte Robin Waibel, Managing Patner bei Bitforge. "Mittlerweile ist fast ein ganzes Wikipedia entstanden, mit Texten, Ton und Videos." Für einige Drohnenaufnahmen brauchte es eine Erlaubnis vom Fürsten höchstpersönlich.

 

Letting nerds be nerds

Aber auch in technischer Hinsicht hätten die Entwickler einige Herausforderungen überwinden müssen. "Gefordert war eine eierlegende Wollmilchsau: eine flüssig laufende App mit Offline-Funktionalität und AR-Erlebnissen", sagte Waibel. Was er nächstes Mal anders machen würde? Mehr Zeit für den Technologieentscheid einplanen, User Research und Usability-Tests zeitlich vorziehen und: "mehr Zeit vor Ort verbringen, öfters in die Beiz an den Stammtisch, mehr mit den Leuten sprechen, die in Liechtenstein zu Hause sind – für das Gesamtprojekt war das sehr wertvoll, das würden wir gerne häufiger machen."

 

Was Waibel an der Zusammenarbeit geschätzt hat? Die Rückendeckung, das Vertrauen vom Auftraggeber und das beidseitige Engagement auf Augenhöhe. "Was mich besonders gefreut hat: das Verständnis für Nerds. Wir sind nun mal so und Liechtenstein Marketing hat nichts anderes von uns erwartet."

 

Nachts im Landesmuseum

Den Museumsbesuch zur User Experience zu machen – das war der Plan. Das schwierige daran: Sowohl die App, wie auch die Website und das Content Management System musste man erneuern, wie Ueli Heiniger, Technischer Projektleiter beim Landesmuseum Zürich sagte. Und weil man in technologischer Hinsicht neue Wege ging, gab es zeitliche Engpässe. "Es war das klassische Early-Adopters-Dilemma; bis zum Go-Live mussten wir deswegen ein paar Nachtschichten hinlegen", sagte Heiniger.

 

Ueli Heiniger, Technischer Projektleiter beim Landesmuseum Zürich. (Source: Netzmedien)

 

Eine der technischen Hürden betraf die Umsetzung der Android-App: Videos flüssig darzustellen, habe auf iOS problemlos geklappt; aber für die Android-Version mussten die Entwickler kurzerhand eine eigene Library schreiben. "Im Nachhinein kann man darüber schmunzeln", sagte Heiniger, "schliesslich hat sich der Mut zum Risiko gelohnt."

 

Fragen über Technologiefragen

Beide Seiten hätten für das Projekt Neues ausprobiert, sagte Florian Wille, Senior Design Strategist bei Dreipol. Beispielsweise Tools für kollaboratives Design wie Figma, "quasi ein Google Docs für UX- und UI-Designer." Das coole daran: Das Landesmuseum und die beiden Entwicklungspartner Dreipol und Swiss Development hätten jederzeit Einblick in den aktuellen Stand der Entwicklung gehabt.

 

Florian Wille, Senior Design Strategist bei Dreipol. (Source: Netzmedien)

 

Auch mit der Abfragesprache GraphQL hätten die Macher der "Landesmuseum App" wertvolle Erfahrungen gesammelt. "GraphQL ist gewissermassen das Figma für die Schnittstelle", sagte Wille. Mit diesem Technologieentscheid hätten sich die Entwickler viel Schreibarbeit erspart, weil die Sprache weitgehend selbstdokumentierend sei.

 

Der Erfolgsfaktor Nummer Eins, darüber waren sich alle Referenten einig, ist das Team. Die Chemie muss stimmen – innerhalb der Arbeitsgruppen wie auch zwischen Auftraggebern und Entwicklern. Und zu den wichtigsten Ressourcen, die es für erfolgreiche App-Projekte braucht, zählt nicht nur Geld, sondern auch Mut und vor allem Vertrauen. "Wir haben zwar so gut wie immer einen Master-Plan", sagte Robin Waibel von Bitforge, "aber wenn ein Auftraggeber uns das abnimmt, ohne ständig zu kontrollieren, dann motiviert uns das umso mehr."

 

Robin Waibel, Managing Patner bei Bitforge. (Source: Netzmedien)

 

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DPF8_162878

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