Fachtagung E-Accessibility 2023

KI gegen Barrieren und Ausgrenzung durch Digitalisierung

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von René Jaun und jor

Künstliche Intelligenz kann zu mehr Barrierefreiheit beitragen. Doch ohne Menschen wird es auch in Zukunft nicht gehen, wie die Gäste der Fachtagung E-Accessibility betonten. Zu Reden gab auch, dass die Digitalisierung selbst zur Barriere werden kann – und das für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung.

Netzwoche-Redaktor René Jaun hat durch die deutschsprachigen Referate der Fachtagung E-Accessibility geführt. (Source: zVg)
Netzwoche-Redaktor René Jaun hat durch die deutschsprachigen Referate der Fachtagung E-Accessibility geführt. (Source: zVg)

Wie können neue Technologien genutzt werden, um Barrierefreiheit zu schaffen oder zu verbessern? Diese Frage stand im Zentrum der fünften Fachtagung E-Accessibility. Durchgeführt wurde sie vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) und diversen Partnern, darunter die Schweizerische Post, die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die ETH Zürich, Swisstxt sowie Newsroom Communication. Mit 850 Anmeldungen (Vorjahr: an die 600) war das Interesse am diesjährigen Online-Event vom 16. November noch einmal angestiegen. Durch den Vormittag und die deutschsprachigen Referate führte der schreibende Netzwoche-Redaktor René Jaun.

Deutlich sichtbarer Handlungsbedarf

In seiner Grussbotschaft beschrieb Bundespräsident Alain Berset die Vision einer "Schweiz, in der alle Menschen gleichgestellt und selbstbestimmt leben. Eine Schweiz, in der alle Menschen am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können". Diese Vision gelte auch für die 1,8 Millionen Menschen mit Behinderung, doch mit deren Gleichstellung gehe es zu langsam vorwärts. Der Bundesrat habe darum im März bereits den Auftrag erteilt, das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) zu überarbeiten. "Wir müssen der drohenden Ausgrenzung von Menschen entgegenwirken und sicherstellen, dass in unserer digitalisierten Gesellschaft alle Zugang zu öffentlichen und privaten Dienstleistungen haben", erklärte Berset. Der Bundesrat ermutigte das Publikum, den Begriff der digitalen Inklusion breiter zu denken. "Nebst dem Zugang zu Onlinedienstleistungen geht es auch grundsätzlich darum, dass alle Menschen Zugang zu einem Computer haben und wissen, wie sie ihn benutzen können."

Ein Screenshot von Bundesrat Alain Berset, wie er eine Grussbotschaft an die Gäste der Fachtagung E-Accessibility richtet.

Bundesrat Alain Berset richtete eine Grussbotschaft an die Gäste. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

Einen konkreten Überblick, wie schlecht es um die Accessibility von Apps steht, lieferte danach Philip Keller, Leiter Technologie & Innovation bei der Stiftung "Zugang für alle". Er präsentierte die Ergebnisse der aktuellen Accessibility-Studie, gemäss der nur etwa jede dritte populäre Schweizer App für Menschen mit Behinderung zugänglich ist. Die anderen weisen schlicht zu viele Accessibility-Mängel auf, wie Sie hier lesen können. Die Befunde der Studie bezeichnete Keller als ernüchternd und appellierte: "Es ist wichtig, dass alle Apps zugänglich sind. Es ist auch nicht schwierig – es ist machbar. Wir müssen einfach darauf bestehen und das Bewusstsein weiter fördern." Um künftig ein kontinuierliches Monitoring der Barrierefreiheit zu ermöglichen, arbeite die Stiftung an einer neuen Plattform. Wie Keller in der Fragerunde konkretisierte, existieren dafür schon ein Anforderungskatalog sowie ein Proof of Concept für interessierte Stakeholder. Dagegen fehle noch ein Teil der Finanzierung.

Philip Keller von der Stiftung "Zugang für alle" zeigt eine Folie mit Ergebnissen der neuesten Accessibility-Studie. Auf der Folie: ein Ranking von Mobile Apps. Je höher die Platzierung, desto besser das Ergebnis in der Studie. Auf Platz eins: SBB Inclusive. Den zweiten Platz teilen sich: Fairtiq, Microsoft Authenticator, Microsoft Teams, SBB Mobile, Threema, Webex Meeting und Whatsapp.

Philip Keller, Leiter Technologie & Innovation bei der Stiftung "Zugang für alle", präsentierte die Befunde der aktuellen Accessibility-Studie. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

KI für mehr Accessibility

Zeigten an der Fachtagung E-Accessibility vergangenes Jahr Behörden und Unternehmen, wie sie digitale Barrierefreiheit als Standard etablieren, standen 2023 vermehrt praktische Anwendungen und Forschungsprojekte auf dem Programm. Wie eine App für mehr Barrierefreiheit im analogen Raum sorgt, zeigten etwa das in Winterthur angesiedelte Museum Technorama und der Verein Apfelschule. Die App "Navilens" reagiert auf eine Art QR-Codes, die im Museum angebracht sind. Darauf basierend liefert die App dann etwa akustische Wegbeschreibungen für blinde Besucherinnen und Besucher, während sie für gehörlose Nutzerinnen und Nutzer Videos in Gebärdensprache anzeigen kann. Im Moment ist eine Technorama-Ausstellung mit 60 Stationen mit "Navilens"-Codes ausgestattet. Demnächst komme eine weitere Ausstellung mit 40 Exponaten dazu, verriet Simone Russi, Projektleiterin Inklusion am Swiss Science Center Technorama, in der Fragerunde.

Simone Russi zeigt, wie die App "Navilens" funktioniert. Auf der Folie: ein Beispiel für einen speziellen, farbigen QR-Code. Auch ohne zu wissen, wo genau sich diese QR-Codes befinden, soll man sie per Smartphone scannen können.

Simone Russi, Projektleiterin Inklusion am Swiss Science Center Technorama, erklärte den Gästen die App "Navilens", die mithilfe von speziellen QR-Codes und Sprachanweisungen per Smartphone den Weg weist. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

Nach dem finanziellen Aufwand gefragt, nannte Russi "ein paar Tausend Franken" im Jahr für die Miete der "Navilens"-Codes, dazu komme etwa eine Stunde Aufwand pro adaptierter Station. Dazu merkte Goran Arnold, Berater für digitale Barrierefreiheit bei der Apfelschule, an, Zugänglichkeit müsse auch für kleine Budgets möglich sein. "Wir sind stets froh, wenn wir mit Institutionen Lösungen erarbeiten können, die vielleicht auch gar nichts kosten". So könnte etwa ein Museum die in Ausstellungen verwendeten Texte auch in barrierefreier Form auf seine Website stellen, von wo Menschen mit Behinderung sie dann per Smartphone abrufen könnten.

Texte in leichte Sprache übersetzen

Zwei Referate zeigten auf, wie künstliche Intelligenz (KI) im Accessibility-Bereich zum Einsatz kommt. Paul Anton Mayer, Chief Digital Officer bei Capito, ist mit seinem Unternehmen an einem umfassenden Forschungsprojekt namens "Inclusive Information and Communication Technologies" beteiligt und nutzt KI-Systeme, um Texte in leichte Sprache zu übersetzen – ein Job, den bislang menschliche Redakteurinnen und Redakteure verrichteten. Die KI habe Potenzial, führte Mayer aus. Doch ein Selbstläufer oder Allheilmittel sei sie nicht. Um ein System zu entwickeln, welches wirklich gut arbeite, brauche es KI-Know-how, um die Lösung für das spezifische Unternehmen anzupassen. Sehr wichtig seien auch Daten, auf welche die KI aufbaut, sowie viel Feedback von menschlichen Nutzerinnen und Nutzern. Und schliesslich brauche es gute Apps, damit das System leicht benutzbar werde.

Paul Anton Mayer präsentiert eine Softwarelösung zur Vereinfachung von Text. Auf der Folie: zwei Textfelder. Im einen gibt man den ursprünglichen Text ein, im anderen erscheint eine vereinfachte Version davon. Es besteht auch die Möglichkeit, die Sprachstufe des vereinfachten Textes anzupassen - zur Auswahl stehen die Sprachniveaus A1, A2 und B1.

Paul Anton Mayer, Chief Digital Officer bei Capito, setzt auf KI, um Texte in leichte Sprache zu übersetzen. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

Am Stuhl menschlicher Übersetzerinnen und Übersetzer säge KI übrigens nicht, stellte Mayer nach seinem Referat klar. Dabei verwies er auf die Fehler, die KI mitunter macht. "Wir brauchen die Überprüfung durch Redakteurinnen und Zielgruppenvertreterinnen, vor allen Dingen in ständig neuen Themenbereichen." Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger benötigten die Sicherheit, dass der KI-Output überprüft worden sei, "selbst wenn die KI in unserer absehbaren Lebenszeit noch so viel besser wird". KI werde es jedoch ermöglichen, künftig viel mehr Übersetzungsarbeit zu schaffen.

Etwas anders gestaltet sich die Situation bei KI-basierten Übersetzungslösungen für Gebärdensprache. Ein Service, der schriftliche Texte ähnlich wie "DeepL" in Gebärdensprachvideos umwandelt, existiert nicht, erst recht nicht in der entsprechenden Qualität. Der Grund: Primär mangelt es in diesem Bereich schlicht an Daten, um KI-Modelle zu trainieren, wie Michaela Nachtrab, Leiterin des Bereichs Product- und Business Development für Accessibility Services bei Swisstxt, erklärte. Darum setzen Anbieter auf Alternativen: Eine davon sind digitale Avatare, die einen geschriebenen Text Wort für Wort übersetzen. Da die Gebärdensprache eine eigene Struktur und Grammatik besitzt, handle es sich hierbei um "keine wirkliche Übersetzung für Texte", fügte Nachtrab hinzu. Ein zweites Verfahren besteht darin, vorgefertigte Phrasen aneinanderzureihen und dabei bestimmte Wörter (etwa Gleisangaben) auszutauschen. Beim dritten, noch stark erforschten Verfahren wird ein Text zunächst in "Glossen" – einer Verschriftlichung der Gebärdensprache – übersetzt und danach in visuelle Gebärdensprache umgewandelt. Dies sei eine sehr saubere Übersetzung – allerdings nur theoretisch, wie Nachtrab ausführte. Denn das Verfahren hat auch Nachteile: So fehle eine Standardisierung von Glossen. Und: "Die doppelte Übersetzung ist natürlich auch relativ fehleranfällig".

Michaela Nachtrab von Swisstxt zeigt einen neuen Ansatz für das Entwickeln von Avataren, die einen geschriebenen Text Wort für Wort übersetzen. Auf der Folie: ein Vergleich zwischen klassischen, gezeichneten (bzw. am Bildschirm entworfenen) Avataren und sogenannten Realataren - für letztere werden die Bewegungen echter Menschen aufgenommen.

Michaela Nachtrab, Leiterin des Bereichs Product- und Business Development für Accessibility Services bei Swisstxt, sprach über KI-basierte Übersetzungslösungen für Gebärdensprache. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

Nachtrab zeigte auch einen Service namens "Signly", der seine Gebärdensprachübersetzungen mithilfe selbst gehörloser Dolmetscherinnen und Dolmetscher erstellt. Der Service optimiert die dort erstellten Videos mittels KI-Technologien. Diese beheben Licht- und Auflösungsprobleme oder stellen sicher, dass die übersetzende Person im Bild freigestellt wird, wie Robin Ribback, CTO Accessibility bei Swisstxt, erläuterte. Dies wiederum senkt den Produktionsaufwand deutlich.

Gefragt nach einer Prognose, wann KI automatisch Texte in Gebärdensprache übersetzen wird, holte Ribback aus: Zusammen mit 30 Institutionen forsche er schon seit 12 Jahren an solchen Systemen. "Alle sind davon ausgegangen, dass sie jeweils nach 2 bis 3 Jahren ein fertiges System haben." Erfolgreich war bislang jedoch keines. Erst kürzlich habe es im KI-Bereich allerdings einen Quantensprung gegeben. "Ich sage jetzt, dass wir in den nächsten 2 Jahren kommerzielle Projekte haben werden, die für bestimmte Anwendungen Gebärdensprach-Ausgabe mittels Avatar erzeugen werden, zum Beispiel bei der Bahn, Warn- oder Katastrophenmeldungen." Erste reale Smartphone-Anwendungen, die Live-Übersetzungen in die oder aus der Gebärdensprache ermöglichen, sieht Ribback in 5 Jahren aufkommen.

Digitalisierung als Barriere

Einen Kontrapunkt der diesjährigen Fachtagung schuf Christian Maag. Denn während die übrigen Präsentationen aufzeigten, wie digitale Technologien zum Abbau von Barrieren genutzt werden könnten, wies der Geschäftsführer des Schweizer Dachverbandes Lesen und Schreiben nämlich darauf hin, dass Digitalisierung selbst eine Barriere darstellt. Betroffen davon sind jene Menschen, denen es an digitalen Grundkompetenzen fehle. Dazu gehören Informationskompetenzen, Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten – "alles komplexe Fähigkeiten, die zusammenspielen müssen, damit jemand in der Lage ist, sich im digitalen Raum frei und sicher zu bewegen", so Maag.

Christian Maag vom Dachverband Lesen und Schreiben weist auf die gesellschaftlichen Gefahren und Folgen der Digitalisierung hin. Auf der Folie: drei Argumente. Erstens: Menschen mit keinen oder geringen digitalen Grundkenntnissen sind auf Unterstützung angewiesen, was zu Abhängigkeiten führt. Zweitens: Ohne umfassende Massnahmen in der “digitalen Inklusion” könnte der Zugang zu staatlichen Kernleistungen für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung stark eingeschränkt werden. Drittens: Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben droht zunehmend eingeschränkt zu werden. Es droht ein Ausschluss eines bedeutenden Teils der Bevölkerung.

Christian Maag, Geschäftsführer des Schweizer Dachverbandes Lesen und Schreiben, wies darauf hin, dass Digitalisierung nicht nur Barrieren abbaut, sondern auch Menschen ausgrenzt. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

In der Schweiz öffne sich der digitale Graben (Digital Gap) immer weiter, zumal immer mehr Dienstleistungen in den digitalen Raum verlagert werden. Der davon betroffene Anteil der Bevölkerung ist erstaunlich gross: Eine von fünf Personen verfüge nur über geringe oder gar keine Digitalkompetenzen, erklärte Maag, der sich auf Studien bezog. Eine von sechs Personen habe zudem im Alltag Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben. "Über 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben entweder keine oder kaum digitale Kompetenzen oder Schwierigkeiten im Verstehen von Informationen", fasste der Referent zusammen. Junge Betroffene gibt es ebenso wie alte. Ihnen droht zunehmend, aufgrund der Digitalisierung vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden. Für die Nutzung von E-Services jeglicher Art sind sie oftmals auf fremde Hilfe angewiesen.

Ein einfaches Rezept, um den digitalen Graben zuzuschütten, nannte Maag nicht. Es brauche mehrere Massnahmen, führte er aus. An erster Stelle stehen Bildungsmassnahmen, um Erwachsene in Sachen Digitalkompetenzen fit zu machen. Nötig seien zudem Umsetzungsstrategien, um die Digitalfähigkeiten der gesamten Bevölkerung zu stärken. Gefragt sind auch jene, die Digitalisierungsprojekte umsetzen: Bei der Gestaltung solcher Vorhaben "braucht es die systematische Berücksichtigung der Bedürfnissen dieser Zielgruppe, im Idealfall unter Beteiligung der Betroffenen". Oft wünschen sich diese benutzerfreundliche Anwendungen, einfaches Layout und leicht verständliche Sprache.

Auf einer weiteren Folie zeigt Christian Maag die Vorteile der digitalen Inklusion auf - einerseits für die Bevölkerung (Zugang zu Informationen und Diensten, Autonomie, Einbezug und Teilhabe) und andererseits für die Verwaltungen und Unternehmen. Für diese führt Maag unter anderem folgende Argumente auf: Information erreicht ihr Ziel, Entlastung von bestimmten Aufgaben, ebenfalls Einbezug und Teilhabe und zuletzt: Einhaltung von Gesetzen.

Christian Maag sprach auch über die Vorteile von digitaler Inklusion - nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Unternehmen. (Source: Screenshot Livestream Fachtagung E-Accessibility)

Trotz aller Massnahmen werde es immer einen Anteil Menschen geben, die digitale Angebote nicht nutzen können, fügte Maag hinzu. "Es wird ganz wichtig sein, dass man analoge Zugänge schafft oder bewahrt und Beratung vor Ort anbietet, um die Leute zu unterstützen, die das alleine nicht schaffen."

Sämtliche Referate der Fachtagung E-Accessibility stehen ab Dezember 2023 auf der Website des EBGB zum Nachschauen bereit.

Übrigens: Als Co-Founder der Digitalagentur Liip hat Gerhard Andrey schon einige barrierefreie Webprojekte umgesetzt. Die Nachfrage nach Accessibility lässt jedoch zu wünschen übrig, wie er im Interview feststellt. Darum setzt er sich auch im Nationalrat für digitale Barrierefreiheit ein. Das ganze Interview lesen Sie hier.

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