Interview mit Jacqueline Wild, Kyndryl Alps

Warum Resilienz zur Grundlage erfolgreicher KI-Projekte wird

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KI verspricht Effizienz und Wachstum, doch veraltete IT-Landschaften bremsen viele Unter­nehmen aus. Jacqueline Wild, Managing Director von Kyndryl Alps, erklärt, wo Schweizer Firmen derzeit investieren, weshalb Resilienz an Bedeutung gewinnt und welche Wachstumschancen sie sieht.

Jacqueline Wild, Vice President und Managing Director, Kyndryl Alps
Jacqueline Wild, Vice President und Managing Director, Kyndryl Alps

Sie sind im Dezember 2025 zu Kyndryl gestossen. Mit welchem Auftrag hat der Konzern Sie in die Alps-Region geholt und welche Prioritäten setzen Sie in Ihrem ersten Jahr?

Jacqueline Wild: Ich komme selbst von der Kundenseite, und diese Perspektive prägt, wie ich meine Aufgabe verstehe: Kyndryl nochmals weiter kundenzentrisch auszurichten – nicht am Produkt, sondern am Ergebnis, das ein Kunde erreichen will. Kyndryl betreibt die unternehmenskritischen Systeme, auf denen das Tagesgeschäft ganzer Branchen läuft – über Jahrzehnte gewachsen, hochkomplex, oft das Rückgrat des Unternehmens. Der Engpass liegt in der Praxis selten beim einzelnen KI- oder Cloud-Use-Case, sondern bei den Grundlagen: bei Daten, Kernsystemen, Sicherheit und Betrieb. Für mein erstes Jahr habe ich drei Prioritäten gesetzt. Erstens: die IT-Modernisierung unserer Kunden pragmatisch und mit Blick auf konkrete Geschäftsergebnisse voranzubringen – vor allem die Transformation von Legacy-Landschaften hin zu einer sicheren, stabilen Basis, auf der KI überhaupt erst verlässlich aufgesetzt werden kann. Zweitens: Resilienz und Sicherheit zu stärken, gerade in Branchen, in denen Ausfälle oder regulatorische Schwächen unmittelbare Folgen haben. Drittens: KI so in Prozesse und Betriebsmodelle einzubetten, dass daraus messbarer Nutzen entsteht. Genauso wichtig ist mir der Blick nach vorne – dass wir uns schon heute mit den Themen von morgen beschäftigen. Dazu gehören Quantencomputing und vor allem die Frage, wie sich dadurch die Bedrohungslage für unsere Kunden verändert.

Bei Ihrem Stellenantritt geriet Kyndryl nach dem Abgang des CFO und publik gewordenen Schwächen bei internen Finanzkontrollen unter besondere Beobachtung. Wie hat diese Ausgangslage Ihren Start in der Alps-Region geprägt?

Beim Start in eine neue Führungsrolle ist entscheidend, den Fokus auf das Wesentliche zu behalten. Für mich war vom ersten Tag an klar, worauf es ankommt: nahe bei unseren Kunden zu bleiben, unsere Mitarbeitenden zu unterstützen und das Geschäft konsequent voranzubringen. Kyndryl unterstützt Kunden dabei, ihre geschäftskritischen Systeme zu betreiben und zu modernisieren, weshalb Verlässlichkeit, Resilienz und Sicherheit grundlegend für alles sind, was wir tun.

Wie wollen Sie in diesem Umfeld das Vertrauen bestehender Kunden stärken und neue Kunden hinzugewinnen?

Viele unserer Kunden betreiben komplexe, unternehmenskritische IT-Landschaften, die für ihr Geschäft zentral sind. Sie müssen sicher sein können, dass Modernisierung nicht zu zusätzlichen Risiken führt, sondern Stabilität, Resilienz und Handlungsfähigkeit stärkt. Bei bestehenden Kunden heisst das für mich zunächst: zuhören, Prioritäten verstehen und realistisch einschätzen, was technisch und organisatorisch sinnvoll ist. Neue Kunden gewinnt man aus meiner Sicht nicht mit abstrakten Technologieversprechen. Entscheidend ist, ob ein Partner die Geschäftsziele eines Unternehmens, die Erwartungen seiner Kunden und die Komplexität der Umgebungen versteht – und auch im laufenden, geschäftskritischen Betrieb Verantwortung übernehmen kann. Unsere Rolle ist es, zwischen bestehender IT und neuen Anforderungen zu vermitteln: Was muss erhalten bleiben? Was muss erneuert werden? Wie lässt sich Innovation so einführen, dass sie im Alltag trägt, und wie wird daraus messbarer Nutzen?

Welche Rolle spielt die Schweiz in Ihrer Strategie für die Alps-Region?

Die Schweiz spielt in unserer Alps-Strategie eine zentrale Rolle – schon aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke. Es ist ein Markt mit hoher Dichte an international tätigen, oft global führenden Unternehmen und mit einer Wertschöpfung, die weit über die Grösse des Landes hinausreicht. Genau hier werden viele der zentralen IT-Fragen unserer Kunden besonders deutlich sichtbar: in Branchen, für die resiliente, sichere und regulatorischen Anforderungen entsprechende IT unmittelbar geschäftsrelevant ist – etwa Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Pharma, Industrie, Gesundheitswesen und öffentliche Verwaltung. Gleichzeitig ist die Innovationsbereitschaft hoch. Viele Unternehmen wollen neue Technologien wie KI, Cloud und Automatisierung stärker nutzen, können dabei aber nicht einfach bestehende Systeme ablösen oder zusätzliche Risiken in Kauf nehmen. Sie müssen Modernisierung kontrolliert angehen und genau abwägen, wie sich neue Möglichkeiten mit Sicherheit, Datenschutz, Verfügbarkeit und Regulierung verbinden lassen.

Wie beurteilen Sie aktuell die Nachfrage im ­Schweizer Markt – wo investieren Ihre Kunden derzeit besonders entschlossen und wo spüren Sie Zurückhaltung?

Wir sehen im Schweizer Markt weiterhin eine hohe Investitionsbereitschaft, aber sie ist selektiver geworden. Unternehmen investieren dort, wo ein klarer Bezug zu Effizienz, Resilienz oder Wettbewerbsfähigkeit besteht. Dazu gehören die Modernisierung von Infrastruktur, Hybrid-Cloud-Modelle, Cybersecurity, Datenplattformen, Automatisierung und zunehmend auch die Frage, wie KI verlässlich in bestehende Abläufe integriert werden kann. Zurückhaltung sehen wir dort, wo der Nutzen noch zu wenig konkret ist oder die organisatorischen Voraussetzungen fehlen. Das betrifft insbesondere KI: Laut unserem Kyndryl Readiness Report erzielen zwar inzwischen 54 Prozent der Unternehmen positive Erträge aus ihren KI-Investitionen – 12 Prozentpunkte mehr als 2024 –, gleichzeitig sind 62 Prozent mit ihren KI-Projekten noch nicht über die Pilotphase hinausgekommen. Viele Unternehmen prüfen deshalb heute genauer, welche Anwendungen tatsächlich in den produktiven Betrieb gehören und welche eher experimentellen Charakter haben. Diese Vorsicht ist nachvollziehbar – und in vielen Fällen auch gesund.

Welche konkreten KI-Anwendungsfälle treiben derzeit die Nachfrage bei Ihren Kunden in der Schweiz?

Viele Anwendungsfälle, die wir heute sehen, sind sehr nah am operativen Geschäft – und genau dort, wo unsere operative Expertise zählt. Ein wichtiger Bereich ist der IT-Betrieb: KI kann helfen, grosse Datenmengen aus Systemen auszuwerten, Muster früher zu erkennen, Störungen schneller einzuordnen oder Routineaufgaben zu automatisieren. Der Nutzen liegt hier nicht in einem spektakulären Einzelbeispiel, sondern in vielen kleinen Verbesserungen, die den Betrieb stabiler und effizienter machen. In regulierten Branchen kommen Anwendungen rund um Dokumentenverarbeitung, Risikomanagement, Anomalie-Erkennung und interne Kontrollen hinzu.

Wo schafft KI Ihrer Ansicht nach bei Schweizer Unternehmen schon heute messbaren geschäftlichen Mehrwert?

Messbarer Mehrwert entsteht heute vor allem dort, wo KI konkrete operative Schwachstellen reduziert. In der IT kann das bedeuten, Vorfälle schneller zu erkennen, Ursachen besser einzugrenzen oder wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren. In solchen Fällen geht es nicht um KI als Selbstzweck, sondern um stabilere Abläufe, kürzere Reaktionszeiten und eine bessere Nutzung vorhandener Ressourcen. Gerade in regulierten Branchen ist das relevant, weil viele Abläufe dokumentations- und kontrollintensiv sind. Dort kann KI entlasten, solange sie nachvollziehbar eingesetzt und in bestehende Kontrollen eingebettet wird. Der geschäftliche Mehrwert entsteht nicht allein durch das Modell, sondern durch die Verbindung von Technologie, Datenqualität, Prozessverständnis und sicherem Betrieb – also genau dort, wo Kyndryl zuhause ist.

Wie integrieren Sie neue Konzepte wie KI-Agenten in bestehende IT-Landschaften, insbesondere in ­regulierten Branchen?

KI-Agenten markieren einen wichtigen nächsten Schritt, weil sie nicht nur Informationen liefern, sondern Aufgaben planen und Aktionen anstossen können. Genau deshalb braucht es bei ihrer Einführung besondere Sorgfalt. Je näher ein Agent an geschäftskritische Prozesse oder sensible Daten heranrückt, desto wichtiger werden Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und klare Grenzen – also genau die Verlässlichkeit, die für unsere Kunden zählt. Gerade in regulierten Branchen sind Security-by-Design, rollenbasierte Zugriffe, Monitoring und Auditierbarkeit zentral. Ein Agent muss innerhalb definierter Regeln handeln. Konzepte wie Policy-as-Code können dabei helfen, Unternehmensrichtlinien maschinenlesbar zu machen und konsistent anzuwenden.

Kyndryl steht aktuell unter Druck, profitabler zu werden und gleichzeitig zu wachsen. Erst kürzlich gab das Unternehmen eine schwächere Gewinnprognose sowie einen Stellenabbau bekannt. Welche Auswirkungen spüren Sie davon im Schweizer Geschäft?

Wir sind ein globales Unternehmen, aber in der Schweiz sehr stark lokal verankert. Für unser Schweizer Geschäft kann ich sagen: Wir haben ein sehr gutes Team, eine solide Kundenbasis und klare Wachstumsfelder. Natürlich ist Profitabilität auch für uns ein wichtiges Thema. Wir schauen genau darauf, wie wir effizienter arbeiten und unsere Ressourcen gezielt einsetzen können. Gleichzeitig wollen wir in der Schweiz weiter wachsen – insbesondere in Bereichen wie Cloud-Transformation, Cyber­resilienz, Digital Workplace, Data & AI und der Modernisierung geschäftskritischer IT-Landschaften. Wichtig ist: Unsere Kundennähe und die Qualität unserer Leistungen bleiben unverändert im Zentrum. Verlässlichkeit ist für uns kein Schönwetter-Versprechen – sie gilt gerade dann, wenn sich ein Unternehmen weiterentwickelt. In der Schweiz sind wir auf einem guten Weg.

Das Geschäft mit dem ehemaligen Mutterkonzern IBM ist zuletzt von rund vier auf unter zwei Milliarden US-Dollar geschrumpft. Welche strategische Rolle spielt IBM heute noch für Kyndryl – Partner, Wettbewerber oder beides gleichzeitig?

IBM bleibt ein wichtiger strategischer Partner – insbesondere dort, wo IBM-Technologien unsere Leistungen ergänzen und für Kunden konkreten Mehrwert schaffen. Gleichzeitig arbeiten wir heute in einem breiten Ökosystem mit allen führenden Hyperscalern und Technologieanbietern zusammen. Letztlich geht es uns darum, die richtigen Technologien und Kompetenzen zusammenzubringen, um für unsere Kunden die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen – herstellerneutral und orientiert am Ergebnis, das der Kunde erreichen will.

Welche Folgen hat diese fortlaufende Abnahme des IBM-Geschäfts für Ihre Marktstrategie in der Schweiz?

Unsere Marktstrategie in der Schweiz wird nicht dadurch bestimmt, wie umfangreich unser Geschäft mit einem einzelnen Partner ist. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen unserer Kunden – das ist die Perspektive, die ich von der Kundenseite mitbringe. Schweizer Unternehmen modernisieren komplexe IT-Umgebungen, stärken Resilienz und Sicherheit und bereiten ihre technologischen Grundlagen auf KI vor. Genau dort sehen wir die grössten Chancen und genau darauf konzentrieren wir uns. 

Wie positionieren Sie Kyndryl heute gegenüber Hyperscalern wie AWS, Microsoft und Google Cloud sowie gegenüber klassischen IT-Dienstleistern?

Wir sehen Hyperscaler nicht als Wettbewerber. Sie sind wichtige Partner in unserem Ökosystem, und wir arbeiten eng mit AWS, Microsoft und Google Cloud zusammen, um Kunden bei der Modernisierung und dem Betrieb ihrer IT-Umgebungen zu unterstützen. Kyndryl unterscheidet sich dort, wo es um das Design, die Integration, das Management und den Betrieb geschäftskritischer Systeme geht, die das Geschäft unserer Kunden tragen.

Wo sehen Sie aktuell die grössten Wachstums­chancen im Markt – eher im klassischen Infrastrukturgeschäft oder in Bereichen wie Consulting, Cloud, Cybersecurity und KI?

Ich würde diese Bereiche nicht strikt voneinander trennen. Das Infrastrukturgeschäft verändert sich, aber es verliert nicht an Bedeutung. Im Gegenteil: Je stärker Unternehmen Cloud, Daten, Automatisierung und KI nutzen wollen, desto wichtiger werden stabile und sichere Grundlagen – also genau das Fundament, auf dem alles Weitere aufsetzt. Wachstum entsteht aus meiner Sicht vor allem dort, wo Unternehmen ihre technologischen Grundlagen neu ordnen müssen: Welche Systeme werden modernisiert, welche bleiben bestehen, wo lohnt sich Cloud und wo braucht es zusätzliche Sicherheits- oder Datenarchitekturen? Genau bei solchen Entscheidungen rückt Consulting näher an den Betrieb heran – nicht als theoretische Strategieübung, sondern als Unterstützung bei konkreten Umsetzungsschritten. Cybersecurity bleibt ein besonders starkes Thema. Mit zunehmender Vernetzung, KI-Nutzung und regulatorischen Anforderungen steigt der Bedarf an widerstandsfähigen IT-Strukturen. Auch Quantum Readiness gehört in diesen Kontext – als Teil einer längerfristigen Sicherheits- und Risikovorsorge, mit der wir uns schon heute auf das Morgen vorbereiten.

Wenn Sie auf die nächsten drei Jahre blicken: Woran soll der Schweizer Markt erkennen, dass Ihre Strategie für die Alps-Region aufgegangen ist – und woran wollen Sie sich persönlich messen lassen?

Ich hoffe, dass der Schweizer Markt Kyndryl auch in drei Jahren als Partner wahrnimmt, der Modernisierung in anspruchsvollen IT-Umgebungen praktisch umsetzbar macht. Für mich misst sich Erfolg an konkreten und greifbaren Ergebnissen: an stabileren Abläufen, kürzeren Reaktionszeiten, besser beherrschten Risiken und Lösungen, die nicht im Pilotstadium bleiben, sondern im Betrieb dauerhaft Nutzen stiften. Persönlich möchte ich mich an drei Dingen messen lassen: am konkreten Nutzen für unsere Kunden, an der Entwicklung unserer Teams und daran, ob es uns gelingt, globale Erfahrung mit lokaler Nähe zu verbinden. Technologie ist dann erfolgreich, wenn sie nicht nur eingeführt wird, sondern im Betrieb Bestand hat.


Zur Person
Jacqueline Wild ist Vice President und Managing Director von Kyndryl in der Alpenregion und verantwortet die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens in Österreich und der Schweiz. Vor ihrem Eintritt bei Kyndryl war sie Head of Information Management und Chief Information Officer der MM Group. Jacqueline Wild hat einen Executive MBA in Leadership sowie einen Master of Science in Prozess­management der Donau Universität Krems und absolvierte das Executive Program in Leadership an der Stanford Graduate School of Business.

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4eVKfLfN