Wild Card von Rino Borini

Lippenbekenntnisse in Taten wandeln

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Das Coronavirus wird die Schweizer Wirtschaft und damit auch die Start-up-Szene schwer belasten. Letztere haben noch zu wenig politische Unterstützung. Es wäre fatal, nun den Kopf einzuziehen. Die Schweiz verliert sonst mehrere Jahre.

Der Bundesrat hat in Windeseile Covid-19-Hilfsprogramme für Firmen geschnürt. Das ist lobenswert! Doch eine Gruppe von Unternehmen fiel – fast – durch die Maschen: die Start-ups. Erst am 22. April präsentierte der Bundesrat erste Hilfsmassnahmen: Jungunternehmen sollen bis zu 154 Millionen Franken als Bürgschaften erhalten. Doch das reicht nicht. Im Weiteren steht die Frage im Raum, wer die Qualität der Start-ups wirklich beurteilen kann. Das sind Business Angels und Risikokapitalfonds.

Das erste Paket steht auf wackligen Beinen, eigentlich unverständlich. Denn wir wissen: Für jede Volkswirtschaft gelten Jungunternehmen als Motor für Innovation und zukunftsträchtige Jobs.

Ob sich unsere Wirtschaft eine Schwächung des Start­up-Sektors leisten kann? In den letzten fünf Jahren haben Privatinvestoren rund 10 Milliarden Franken in Start-ups investiert. Ebenso war der Bund nicht untätig: via Innosuisse und Nationalfonds flossen 2 Milliarden Franken in Jungunternehmen.

Die Lage ist ernst, das zeigen zwei kürzlich durchgeführte Umfragen. Venturelab befragte 660 Firmen, die rund 5800 Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigen. 53 Prozent sind überzeugt, dass Covid-19 ihr Geschäft in existenzielle Schwierigkeiten bringen wird. Ähnliche Töne kommen aus dem Crypto-Valley: Gemäss einer Umfrage der Swiss Blockchain Federation befürchten knapp 80 Prozent der Unternehmen ohne rasche Hilfe in den nächsten sechs Monaten eine Insolvenz.

Im Unterschied zur reichen Schweiz zeigen unsere Nachbarn Deutschland und Frankreich, dass sie verlässliche Start-up-Standorte sind. Beispielsweise reservierte Frankreich rund 4,3 Milliarden Euro für Start-ups. Notabene eine Nation, die strukturell bedeutend schwächer auf der Brust ist als die Schweiz.


Covid-19 als Turbo

Es gibt viele Möglichkeiten, um den Start-up-Sektor zu stärken. Ein Vorschlag liegt auf dem Tisch: Der Staat tritt mit einer Milliarde als Co-Investor eines Start-up-Fonds auf. An diesem beteiligen sich zu gleichen Teilen auch private Investoren.

Doch der Staat kann auch direkt fördern, indem er mithilfe von technologiegetriebenen Start-ups den Staats­apparat auf Vordermann bringt. Die Krise hat beispielsweise gezeigt, dass unser Gesundheitswesen ziemlich analog funktioniert. Das Fax gehört bis auf Stufe Bundesamt zum Alltag. Zudem haben wir ein Parlament, das wochenlang nicht tagen kann. Es gibt bis dato keine Lösung für digital geführte Parlamentssessionen.

Covid-19 kann auch als Turbo genutzt werden um die staatlichen Dienstleistungen, wie Grundbuchamt, Handelsregister oder E-ID, zu digitalisieren. Das scheint auf den ersten Blick mit hohen Kosten verbunden, doch auf den zweiten Blick kommen nachhaltige Effizienzgewinne hervor. Da der Staat nicht ein Musterschüler in Digitalprojekten ist, können hier junge Techfirmen vieles bewegen.

Ein fader Beigeschmack zum Schluss: In den letzten fünf Jahren haben sich viele Wirtschaftsexponenten und Politiker gerne mit Start-ups in der Öffentlichkeit gezeigt. Auch der Bundesrat besuchte unzählige Start-up-Veranstaltungen und lobte deren Innovationskraft. Sie alle können nun beweisen, wie wichtig ihnen das Thema ist und dass es sich nicht um Lippenbekenntnisse handelt. Es wäre eine riesige Chance, jetzt stärker zu agieren als andere Nationen.

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