Editorial

Der Hut, der glücklich zu sein scheint

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René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)
René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)

Die Coronapandemie ist die Reifeprüfung für neue Technologien. ­Diesen Eindruck erhalte ich zumindest beim Durchlesen der Medienmitteilungen, die in diesen Tagen unsere Redaktion erreichen. Automatisierungslösungen, künstliche Intelligenz und Roboter springen da ein, wo menschliche Mitarbeiter – sei es aufgrund von Abstandsregeln oder mangelnder Ressourcen – an ihre Grenzen stossen. Viele Unternehmen setzen zum ersten Mal auf solche Lösungen, erkunden ihre Stärken und Schwächen.

Wo Potenzial und Schwächen von künstlicher Intelligenz liegen, zeigt mir regelmässig eine Microsoft-App namens «Seeing AI». Die App ist eine Art Alltagshelfer für blinde Menschen wie mich. Ich nutze sie am häufigsten, um mir gedruckte Texte vorlesen zu lassen. Hierzu reicht es, dass ich mit der Kamera auf die Quelle zeige, und schon liest mir mein iPhone etwas vor. Es geht schnell, ist erstaunlich akkurat und funktioniert nicht nur bei einfachen Dokumenten, sondern mitunter auch bei schwierigeren Quellen wie Displays von Haushaltsgeräten oder Strassenschildern.

Deutlich weniger brauchbar, dafür oft umso witziger, sind die Versuche der KI, Bilder zu beschreiben. Als ich testweise meinen Homeoffice-Arbeitsplatz fotografierte, erkannte die App zwar korrekt «eine Katze, die auf einem Tisch sitzt» – tatsächlich leistete mir ­Aurélie gerade Gesellschaft. Beim Foto einer Bekannten sagte Seeing AI dagegen, es handle sich um «eine 62-jährige Frau mit Hut, der glücklich zu sein scheint». Dass der Hut anstatt die Frau glücklich sein soll, könnte man noch verzeihen – ist wohl ein Übersetzungs­fehler. Aber dass die App sich erlaube, das wirkliche Alter zu verdoppeln, sei dann doch beleidigend, fand meine Bekannte. Und spätestens, seit Seeing AI das Foto, das mich während eines Gleitschirm­fluges zeigt, mit der Beschreibung «enthält vermutlich die Nahaufnahme eines Tieres» versehen hat, kann ich ihre Gefühle sehr gut nachvollziehen.

Geht es um Geschwindigkeit, sind uns Maschinen deutlich überlegen. Und überlassen wir Routineaufgaben einem Roboter, steigert sich die Qualität der Arbeit. Beispiele dafür lesen Sie unter anderem im Themen-Focus dieser Ausgabe ab Seite 14. Doch geht es darum, Situationen zu beschreiben oder Sachlagen einzuschätzen, kann uns die künstliche Intelligenz nicht das Wasser reichen. Entsprechend werden auch nicht alle neuen Technologien die Corona-Reifeprüfung bestehen.

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