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Um den Brei herumreden: die bimodale IT

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von Daniel Liebhart

Wir waren erfolgreich. Die Industrialisierung der IT ist heute Realität und nicht mehr wegzudenken. Scheinbar kann Innovation nur noch neben der traditionellen IT stattfinden. Ein Trugschluss.

Daniel Liebhart, Dozent ZHAW und Experte für Enterprise-Architekturen und Solution Manager bei Trivadis. (Quelle: Netzmedien)
Daniel Liebhart, Dozent ZHAW und Experte für Enterprise-Architekturen und Solution Manager bei Trivadis. (Quelle: Netzmedien)

Nach Jahren der Standardisierung und Konsolidierung ist es nun so weit: Wir haben einen Moloch geschaffen, der sich interne IT nennt. Zwar hatten wir dafür einen guten Grund: Der Kostendruck hatte eine Vielzahl von effizienz- und effektivitätssteigernden IT-Programmen zur Folge, die oftmals unter dem Motto "Industrialisierung der IT" oder auch "IT-Konsolidierung als Optimierungshebel" durchgeführt wurden. Ausser der Technik standardisierten wir auch das Lizenzmanagement, die Sourcingmodelle und die Betriebsprozesse. Heute ist unsere IT gefestigt und langfristig ausgelegt. Das lässt sich aus dem steigenden Anteil der Ausgaben für Betrieb und Aktualisierung bestehender Systeme nachweisen.

Während wir gemäss der Studie "IT-Trends 2016" von Capgemini letztes Jahr etwas über 61 Prozent des IT-Budgets dafür ausgaben, sind es dieses Jahr bereits knapp 70 Prozent. Niemand kann mehr behaupten, dass wir die Indus­trialisierung der IT nicht ernst genommen hätten.

Der Preis der Industrialisierung

Genau diese Industrialisierung hat jedoch ihren Preis. Unsere Anwendungslandschaft und Betriebsmodelle sind zunehmend resistent gegen Änderungen. Bewilligungsprozesse für einfache Dinge, wie etwa die Freischaltung eines Ports in einer Firewall oder die Freigabe für einen Integrationstest, dauern Wochen.

Änderungswünsche müssen umständlich dokumentiert und deren Realisierung im Rahmen eines unüberschaubaren Projektportfolios verwaltet werden und können aus nicht nachvollziehbaren Gründen Monate dauern. Sogar Jahre können vergehen, bis Ressourcen im gewünschten Umfang aufgestockt werden.

Bimodal als Ausweg?

Nun bringt jedoch die Digitalisierung die Notwendigkeit der schnellen Adaption der Unternehmens-IT mit sich. Und die IT wird vom Kostenfaktor zum Innovationsfaktor. Ohne agile IT keine Digitalisierung. Dieser Widerspruch kann gemäss Gartner mittels einer bimodalen IT gelöst werden. Bimodal bedeutet, dass sich neben der stabilen, standardisierten Art und Weise, IT-Systeme bereitzustellen und zu betreiben, eine agile und flexible Methode etablieren sollte.

Das hört sich zunächst ganz plausibel an. Doch in Wirklichkeit waren wir mit dieser Problematik schon immer konfrontiert, da wir das Nebeneinander von alten und neuen Systemen, von grossen und kleinen Anwendungen, von Backend- und Frontend-Applikationen schon immer managen mussten. Auch wenn uns die Problematik nach Jahren der Standardisierung heute kalt erwischt – sie war immer da. Und es gibt leider kein Geheimrezept für den Umgang damit.

Es gilt, durchdachte Schnittstellen basierend auf einem guten Gesamtbild der Datenflüsse und der Anwendungslandschaft zu etablieren, eine kluge und pragmatische Organisation der IT durchzusetzen und die ständige Weiterentwicklung und Adaption neuer Technologien zu verfolgen. Das müssen wir anpacken, sonst blüht uns tatsächlich, was die EMC-Umfrage "Endangered IT" vom Februar 2016 prophezeit: Knapp die Hälfte der IT-Organisationen wird bis 2019 verschwunden sein.

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