Editorial

Cloud stösst auf Gegenwind

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Joël Orizet, leitender Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)
Joël Orizet, leitender Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)

Jede Technologie hat ihre Schattenseiten. Das geht allerdings schnell vergessen, wenn man sich nach Meinungen über Cloud Computing umhört. Denn nahezu unisono heisst es, die Cloud biete gegenüber dem Betrieb einer eigenen IT-Infrastruktur ein ganzes Füllhorn an Vorteilen. Zum Beispiel: flexible Betriebskosten statt starre Kapitalkosten; Skalierbarkeit auf Knopfdruck statt Hardware-Beschaffungen auf Vorrat; geteilte statt alleinige Verantwortung für die Datensicherheit. Abseits aller Lobeshymnen sind jedoch auch kritische Stimmen zu hören. Neulich zum Beispiel in der "Financial Times".

Cloud Computing macht abhängig – und die Abhängigkeit der Unternehmen von nur wenigen Cloud-Providern ist ein Problem, wie die britische Tageszeitung berichtet. Die Cloud-­Migration setze Unternehmen einem erhöhten Risiko von Cyber­angriffen sowie Datenschutzverletzungen aus. Und somit auch der Gefahr von Geldstrafen und Reputationsschäden. Das Problem geht dem Bericht zufolge sogar weit über betriebswirtschaftliche Risiken hinaus. Die zunehmende Abhängigkeit des Finanzsektors von Cloud-Diensten führe dazu, dass die Technologie zum "Single Point of Failure" werde. Demnach könnte ein Ausfall der Cloud schlimmstenfalls zu einem Ausfall des Finanzsystems führen, weil die meisten Banken und Versicherer auf denselben Cloud-Provider setzen.

Dagegen liesse sich einwenden, dass man dieses Risiko reduzieren kann, indem man nicht nur auf einen, sondern auf zwei oder drei Cloud-Anbieter setzt. Einige Branchenexperten zeigen sich jedoch skeptisch, was die vermeintlichen Vorteile einer solchen Multi-Cloud-Strategie angeht. Der Ansatz mache den Grossteil der Argumente für die Nutzung der Cloud zunichte, sagte Gartner-Analystin Lydia Leong gegenüber der "Financial Times". Denn: Multi-Cloud sei komplex und kostspielig.

Auch wer nur eine Cloud nutzt, spart damit nicht zwangsläufig Geld. Das Mieten von Computern sei für KMUs mit stabilem Wachstum meistens sogar ein schlechtes Geschäft, schreibt David Heinemeier Hansson, CTO und Mitgründer der Softwarefirma Basecamp sowie Schöpfer des Webframeworks Ruby on Rails, in einem Blogbeitrag, in dem er ausführt, warum sich sein Unternehmen aus der Cloud zurückzieht. Für den Rückzug aus der Cloud gibt es sogar einen Begriff: Cloud Repatriation.

Ob die damit gemeinte Rückführung von Applikationen von einer Public Cloud in eine Private Cloud oder in ein hauseigenes Rechenzentrum tatsächlich ein Trend ist, darf man jedoch bezweifeln. Verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht. Und der gesunde Menschenverstand spricht eher dagegen. Denn wer sich erst einmal an die Annehmlichkeiten gewöhnt hat, die Cloud-Dienste zweifellos bieten, braucht gute Gründe, um darauf zu verzichten.

Kann sein, dass sich manche IT-Firmen austoben wollen und Freude daran haben, eigene Infrastrukturen aufzubauen und zu unterhalten – rechnen dürfte sich das aber, wenn überhaupt, nur in wenigen Fällen. Gut möglich ist hingegen, dass einige Unternehmerinnen und Unternehmer schlechte Erfahrungen mit dem sogenannten Vendor-Lock-in gemacht haben, dass also die Abhängigkeit von den Plattformen der Hyperscaler für sie zum Problem geworden ist. In solchen Fällen spricht jedoch nur wenig gegen die Cloud an sich, sondern vieles für Open-Source-Software. Das versprechen zumindest die Verfechter quelloffener Systeme.

Hört man den Anbietern, den Analysten, ja sogar dem Bundesrat zu, tönt es einstimmig: Die Cloud ist ein probates Mittel, um digitale Dienste möglichst schnell und effizient umzusetzen. Folglich landen mehr und mehr Ressourcen zur Datenverarbeitung über kurz oder lang in der Cloud – Ausnahmen für besonders schützenswerte Daten vorbehalten. Ob man das nun gut findet oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass man es richtig anstellt. Was wiederum bedingt, dass sich die Anbieter wie auch die Verbraucher und vor allem die Regierungen ernsthaft mit den Schattenseiten auseinandersetzen, sei es bezüglich Datenschutz, Patzern beim Beschaffungsprozess oder bezüglich der Risiken von Abhängigkeiten. Das bisschen Kritik, das den Cloud-Fürsprechern gelegentlich um die Ohren fliegt, dürfte dem Geschäft kaum schaden. Vielleicht sogar im Gegenteil, weil gelegentliche Kritik die Glaubwürdigkeit erhöht. Vielleicht läuft es im Cloud-Business ja ähnlich wie beim Flugzeug fliegen: Gegenwind erhöht den Auftrieb.

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