Was die Innovation der Schweizer ICT-Branche antreibt - und was sie gefährdet
Schweizer ICT-Unternehmen sind nicht nur selbst innovativ, sondern tragen auch viel zur Innovationskraft anderer Branchen bei. Doch geopolitische Spannungen, der globale Wettbewerb oder regulatorische Unsicherheiten drücken auf die Innovationsbremse.
Geht es um die Innovationskraft, scheint es der Schweiz auf den ersten Blick gut zu gehen. Regelmässig landet die Schweiz in entsprechenden Rankings an der Spitze, wie Sie etwa hier lesen können. Dennoch ist das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) beunruhigt. Denn seit einigen Jahren zeigen die Innovationsstatistiken "einen deutlichen Rückgang des Anteils der in der Forschung und Entwicklung (F&E) tätigen Unternehmen in der Schweiz, der sich vor allem bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bemerkbar macht", wie die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) schreibt. Nach einer ersten Untersuchung stellte das Seco 2022 fest, dass die Bedingungen und der Kontext der Innovation bis zu einem gewissen Grad sektorspezifisch sind. In einer Folgestudie beauftragte der Bund die drei Forschungseinrichtungen FHNW, ETH Zürich und Uni St. Gallen, die Innovationstreiber und -Hemmer einzelner Sektoren zu untersuchen. Nun legten die Forschenden die Ergebnisse für den hiesigen ICT-Sektor vor. Unterstützt wurde ihre Arbeit durch den Branchenverband Swico.
Hardware-Unternehmen am innovativsten
Insgesamt zeigten hiesige ICT-Unternehmen ein hohes Innovationsniveau, stellen die Studienautoren fest. Sie berufen sich dabei auf eine Befragung, an der sich 249 ICT-Unternehmen beteiligten, merken dazu aber auch an, dass die Umfrageergebnisse nicht auf die gesamte ICT-Branche angewendet werden sollten, "da die Antworten innovative Firmen überrepräsentieren". Demnach unterscheidet sich das Innovationsniveau zwischen den Segmenten Hardware, Software, Telekommunikation und übrige IT-Dienstleistungen. Produktinnovationen überwiegen deutlich gegenüber Prozessinnovationen, wobei inkrementelle Neuerungen dominieren. Besonders forschungsintensiv sind Hardware-Unternehmen: Über 80 Prozent dieser Unternehmen gaben an, intern F&E zu betreiben; und fast die Hälfte vergibt zusätzlich externe F&E-Aufträge. Auch Softwarefirmen sind stark engagiert, während Telekommunikations- und andere IT-Unternehmen geringere interne F&E-Kapazitäten aufweisen und häufiger externe Leistungen nutzen.
Die Nutzung öffentlicher Innovationsförderung ist "insgesamt moderat", wie die Autoren im Executive Summary schreiben. Wichtigste Förderquelle ist Innosuisse, wobei die Agentur für Innovationsförderung laut der Befragung auch als "zu bürokratisch und unzureichend auf Unternehmensinnovationen und Markteintritte ausgerichtet" wahrgenommen werde. Besonders Hardware-Unternehmen profitieren von Fördermitteln, während Telekommunikationsunternehmen kaum öffentliche Innovationsförderung in Anspruch nehmen. Dies könnte laut der Studie auf eine mögliche Fehlanpassung bestehender Förderinstrumente an die Bedürfnisse einzelner Segmente hindeuten.
ICT-Branche als Innovationstreiber
Doch die hiesige ICT-Branche ist nicht nur selbst innovativ, sondern trägt auch zur Innovationskraft anderer Sektoren bei, wie die Autoren anhand vergangener Studien belegen. Zentrale Treiber sind datenbasierte Technologien wie Big Data, künstliche Intelligenz (KI), As-a-Service-Modelle (Software, Plattform oder Cloud-Computing) sowie digitale Zwillinge. Diese Technologien verändern Innovationsprozesse, Geschäftsmodelle und Kooperationsformen grundlegend.
Insbesondere datengetriebene Innovation steigert laut Studie die Innovationsleistung durch schnellere Lernprozesse, bessere Prognosen und stärkere Kundennähe. Voraussetzung sind jedoch komplementäre Fähigkeiten wie Data Governance, qualifizierte Fachkräfte und Zugang zu Cloud-Infrastruktur. KI wirkt als "Innovationsverstärker", wirft jedoch zugleich Fragen der Regulierung, Kompetenzentwicklung und Abhängigkeit von globalen Anbietern auf.
Hemmende – und enthemmende – Regulierung
Im Studienauftrag definierte das Seco mehrere zu untersuchende Themenbereiche. Eines davon ist der Zusammenhang von Innovation und Regulierung. In der Untersuchung arbeiten die Autoren eine ambivalente Beziehung heraus. Einerseits kann Regulierung inkrementelle und Compliance-getriebene Innovation stimulieren. Gleichzeitig erhöht sie Kosten, Unsicherheit und Markteintrittsbarrieren, insbesondere für KMUs. Besonders starke negative Auswirkungen beklagten Unternehmen aus dem Telekommunikationssektor.
Welche Regulierung für ICT-Unternehmen im Zusammenhang mit Innovation am wichtigsten ist, ist je nach Untersektor verschieden: Für Hardware-Entwickler sind Produkt- und Prozessregulierung zentral, während für Telkos die marktbezogene Regulierung besonders wichtig ist. Für Software- und übrige ICT-Unternehmen hat die Datenschutzregulierung den wichtigsten Stellenwert.
Vier Handlungsfelder für die Zukunft
Eine Reihe weiterer Probleme in Zusammenhang mit Regulierung stellen die Studienautoren im dritten Teil der Untersuchung, den vertiefenden Delphi-Interviews, zusammen. Demnach kritisierten die Gesprächsteilnehmer Regulierung als fragmentiert, langsam und übermässig komplex. Problematisch seien auch der Föderalismus und der administrative Aufwand. Positiv erwähnten die Interviewten, dass Regulierung Planungssicherheit schaffen könne.
Abgesehen von der Regulierung wiesen die befragten Expertenpersonen auf den wachsenden globalen Wettbewerbsdruck sowie eine zunehmende Abhängigkeit von US- und asiatischen Technologieanbietern als Herausforderung hin. In der Schweiz und Europa - insbesondere im öffentlichen Sektor - werde zu wenig innovationsorientierte Nachfrage generiert.
Digitalisierung und KI gelten als unverzichtbar für Produktivitätsgewinne und neue Geschäftsmodelle. Hemmnisse liegen weniger in der Technologie selbst als in organisatorischen und kulturellen Barrieren sowie regulatorischer Unsicherheit.
Unter dem Strich sehen die Studienautoren und die befragten Expertenpersonen Änderungen an der Regulierung als eines von insgesamt vier möglichen Handlungsfeldern, um die Innovationskraft hiesiger ICT-Unternehmen zu stärken. Konkret schlagen sie vor, die Gesetze durch Harmonisierung und schnellere Verfahren inovationsfreundlicher zu gestalten.
Die drei weiteren Handlungsempfehlungen lauten:
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Stärkung von Innovations- und Kooperationsökosystemen,
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Vereinfachung der Innovationsfinanzierung und
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Ausbau von Kompetenzen und Talentförderung.
Die vollständige Studie und weitere Untersuchungen in der Reihe "Neue Innovationsmodelle" stehen auf der Website der FHNW zum Download bereit.
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