Swiss Telecommunication Summit 2026

Wie die Schweiz im KI-Wettrennen Boden gewinnen kann

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von René Jaun und tse

Noch hat die Schweiz in Sachen Digitalisierung ihre Stärken. Die Gäste am Swiss Telecommunication Summit lobten die gute Netzwerkinfrastruktur und das Bildungssystem. Sie warnten aber auch vor fehlenden Investitionen, drohenden Abhängigkeiten und hemmender Regulierung.

Elefantenrunde der Telko-CEOs (v.l.): Christoph Aeschlimann, CEO von Swisscom; André Krause, CEO von Sunrise; Max Nunziata, CEO von Salt; Moderatorin Carolin Roth. (Source: zVg)
Elefantenrunde der Telko-CEOs (v.l.): Christoph Aeschlimann, CEO von Swisscom; André Krause, CEO von Sunrise; Max Nunziata, CEO von Salt; Moderatorin Carolin Roth. (Source: zVg)

"Vernetzte Schweiz oder digitales Réduit?" Diese Frage stellte der Asut (der Schweizer Telekommunikationsverband) ins Zentrum des diesjährigen Swiss Telecommunication Summit. Die Konferenz der hiesigen Telekommunikationsbranche fand am 25. Juni im Berner Kursaal statt.

Man wolle "das brisante Spannungsfeld zwischen unserem Erfolgsmodell Schweiz und dem wachsenden Sicherheitsbedürfnis gegenüber dem Ausland" aufgreifen, erklärte Asut-Präsidentin Judith Bellaiche zu Beginn der Veranstaltung. Sie riet der Schweiz davon ab, sich zurückzuziehen und zog eine Parallele zur Stadt Konstantinopel. Deren Mauern "waren die modernste und ausgeklügeltste Verteidigungsanlage ihrer Zeit". Doch eines Tages zerstörten "neue Technologien, neue Taktiken und neue Machtverhältnisse" die Stadt dennoch.

Das Bild zeigt Asut-Präsidentin Judith Bellaiche, während sie in ein Mikrofon spricht.

Judith Bellaiche, Präsidentin des Asut. (Source: zVg)

"Auf dem Rückzug lässt sich kein Fortschritt vorantreiben", sagte Bellaiche weiter, die sich jetzt wieder auf die Gegenwart bezog. "Wohlstand, Innovation und Wissen entstehen durch Vernetzung. Das Erfolgsmodell Schweiz beruht gerade auf dieser Vernetzung. Offenheit, Multilateralismus, Win-Win-Beziehungen. Es ist kaum vorstellbar, dass wir diese Erfolgsfaktoren aufgeben wollen."

Eine kontroverse Beziehung

Gleich nach Bellaiche pries auch Callista Gingrich, die Botschafterin der Vereinigten Staaten für die Schweiz und Liechtenstein, die Vorzüge der Vernetzung. So hob sie die enge Technologiepartnerschaft zwischen den USA und der Schweiz hervor. Amerikanische Unternehmen hätten die Schweiz als Forschungs- und Entwicklungsstandort gewählt. Gleichzeitig würdigte sie die Rolle von ETH, EPFL und weiteren Hochschulen für Innovation und Technologietransfer.

Das Bild zeigt Callista Gingrich, US-Botschafterin für die Schweiz und Liechtenstein, während sie in ein Mikrofon spricht.

Callista Gingrich, US-Botschafterin für die Schweiz und Liechtenstein. (Source: zVg)

Doch das Vertrauen zwischen der Schweiz und den USA ist nicht ungetrübt. Auch dies war aus der Rede herauszuhören. Botschafterin Gingrich lobte zwar noch ein im November 2025 abgeschlossenes Handelsabkommen. Darin habe sich die Schweiz verpflichtet, keine Digitalsteuern einzuführen und die grenzüberschreitenden Datenflüsse zu unterstützen. Doch sie thematisierte auch die Bedenken am US-amerikanischen Cloud-Act, mit dem sich die US-Regierung das Recht herausnimmt, in bestimmten Fällen die bei US-Unternehmen gespeicherten Daten im In- und Ausland einzufordern. In der Schweiz sorgt dieses Gesetz für anhaltende Kritik seitens Datenschützern und für Misstrauen gegenüber US-amerikanischen Tech-Anbietern.

Gingrich sagte zum Cloud Act, er stehe für Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und rechtsstaatliche Verfahren und unterscheide sich grundlegend von den Praktiken autoritärer Staaten. In ihrer Rede kritisierte die Botschafterin Bestrebungen, amerikanische Technologieunternehmen "als mutmassliche Bedrohung statt als geschätzte Partner" zu regulieren. "Wir lehnen politisch motivierte Massnahmen ab, die amerikanische Unternehmen daran hindern, im Cloud- und Digitalinfrastrukturmarkt unter fairen Bedingungen zu konkurrieren", sagte sie, und ergänzte wenig später: "Ausschluss bedeutet nicht Souveränität. Er ist lediglich eine andere Form der Abhängigkeit."

Die kontroverse Beziehung zwischen der Schweiz und den USA zog sich wie ein roter Faden durch den Tag. So schilderte Carla Bünger, Co-Founder und Vice-Chairwoman von Phoenix Technologies, wie eine Lieferung US-amerikanischer KI-Hardware an ihr Unternehmen einmal abrupt gestoppt wurde, nachdem Pläne bekannt wurden, dass Phoenix Technologies auch chinesische KI-Modelle damit betreiben wollte. Inzwischen sei zwar "alles in Ordnung gebracht" und die zurückgehaltenen Komponenten ausgeliefert, sagte Bünger. Ihrem Unternehmen habe der Vorfall jedoch "ein gewisses Cluster-Risiko" offenbart, auf welches man reagiert habe. Phoenix beziehe inzwischen Hardware nicht nur aus den USA, sondern auch aus China und Japan.

Zusammen mit Bünger stand Christian Sager auf der Bühne, Leiter Fachbereich Internationale Verträge beim Bundesamt für Justiz. Er gab dem Publikum einen Einblick in die Bemühungen seiner Behörde, eine zum Cloud Act passende Schweizer Regulierung zu schaffen. Australien und das Vereinigte Königreich haben solche Abkommen bereits. Darin regeln sie zum Beispiel, wann US-amerikanische Behörden konkret Daten aus dem Ausland anfordern dürfen und wie sie dabei etwa Menschenrechte und Datenschutz gewichten müssen. Allerdings unterscheidet sich die Gesetzgebung der beiden Länder von jener der Schweiz, wie Sager klarstellte. Zum Zeitrahmen eines Abkommens mit der Schweiz sagte er: "Die Hoffnung ist, dass wir das bis 2029 haben."

Mit Rudhra Adhin (Principal Technologist Digital Sovereignty von Oracle) und Philippe Rogge (Worldwide Public Sector & Sovereignty Leader bei Microsoft) nahmen auch zwei Vertreter grosser US-Techkonzerne Stellung zu den Zweifeln aus Europa. Beide bemühten sich, zu erklären, dass ihre europäischen Niederlassungen weitgehend unabhängig von den USA agieren könnten. In den Arbeitsverträgen europäischer Oracle-Angestellten gibt es demnach Klauseln, gemäss denen sie Weisungen aus den USA - etwa zum Abschalten der Server - nicht befolgen müssten, wie Adhin ausführte. Rogge versprach, Microsoft würde alle dem Unternehmen zur Verfügung stehenden Rechtsmittel einlegen, um für einen Erhalt der Services und gegen eine Abschaltung vorzugehen.

Für mehr Tempo und mehr Innovation

Auch das Thema digitale Souveränität kam in fast allen Vorträgen der Tagung vor. Den Versuch einer Begriffsdefinition wagte Swisscom-Chef Christoph Aeschlimann am Podium der Telko-CEOs: "Für uns heisst es, dass wir Abhängigkeiten klar verstehen und selber entscheiden können, wie wir damit umgehen und die Kontrolle über Lieferstrukturen und Daten haben." André Krause, CEO von Sunrise, pflichtete ihm bei: Digitale Souveränität bedeute nicht Autonomie, sondern Handlungsfähigkeit; und diese zu bewahren, sei im Falle bestimmter Technologien und angesichts geopolitischer Spannungen herausfordernd. Schliesslich betonte Salt-CEO Max Nunziata, das Ziel müsse sein, "eine digitale Konnektivität" zu schaffen. Wo es kritische Abhängigkeiten gebe, müssten diese erkannt, strategisch kontrolliert und verwaltet werden. Und möglich werde dies nur dank "technisch affinen Leuten, die diese Abhängigkeiten verstehen".

Zur aktuell laufenden Vernehmlassung des Fernmeldegesetzes, mit dem der Bund Telkos unter anderem zu mehr Diversität bei ihrer Hardwarebeschaffung verpflichten will, äusserten sich die drei CEOs nur zurückhaltend. Deutlich machten sie einmal mehr ihre Hoffnung nach weniger Skepsis: "Jeder Schweizer wünscht das perfekte Netz, aber mag keine Antenne sehen", brachte Krause das Dilemma auf den Punkt. Weiter erschwert und verteuert werde der Netzausbau etwa durch die Grenzwerte für die Sendeleistung.

Nunziata erinnerte an die Partnerschaft seines Unternehmens mit Starlink, die dereinst SMS- und Telefon-Verbindungen über Satelliten ermöglichen soll. Technisch wäre dies bereits machbar, wie Salt anhand eines Tests zeigte. Doch noch fehlt die Bewilligung des Bundes, um den Service anzubieten. An dem Beispiel könne man perfekt sehen, "dass Technologie und Regulierung manchmal mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen", so der Salt-Chef.

Das Bild zeigt Marcel Salathé, Ko-Direktor des EPFL AI Center.

Marcel Salathé, Ko-Direktor des EPFL AI Center. (Source: zVg)

Kritik an zu strenger Regulierung übte auch Marcel Salathé. "Wird Intelligenz zu teuer für die Schweiz?", fragte der Ko-Direktor des EPFL AI Center in seinem Vortrag. Die Schweiz, die ihren Wohlstand auf Wissen aufgebaut habe, beobachte die aktuell stattfindende kognitive Revolution nur, anstatt zu investieren. Mehr und mehr müsse die Schweiz die Rechenleistungen für KI aus dem Ausland einkaufen. Dadurch "verlieren wir natürlich nicht nur einen grossen Teil unserer Souveränität; das wird dann auch sehr hohe Kosten generieren." Die Schweiz könnte längerfristig den Zugang zu den Tools verlieren, die sie braucht, um die nötige wissenschaftliche Spitzenqualität zu erreichen, gab sich der Forscher besorgt.

Um dem entgegenzuwirken, sei es dringend nötig, die Rechenleistung in der Schweiz auszubauen. Fragen zu Energieeffizienz oder dem Datenschutz werden laut Salathé aktuell dagegen zu hoch gewichtet. Zu letzteren kommentierte der Forscher, es sei inzwischen normal, "dass eine neue Spitzentechnologie rauskommt und wir können sie nicht benutzen wegen den Datenschutzgesetzen in der EU."

Zum Schluss des Tages erhielten vier Nationalratsmitglieder Gelegenheit, sich in einem Podium zu äussern. SVP-Politiker Franz Grüter betonte, es sei kurzfristig wichtig, Einzelabhängigkeiten zu vermeiden. Dafür müsse die Schweiz "mit allen zusammenarbeiten, mit chinesischen und amerikanischen Unternehmen". Längerfristig gelte es, technisch "einen Level zu erreichen, auf dem wir vielleicht gewisse Abhängigkeiten reduzieren können". SP-Nationalrätin Min Li Marti plädierte dafür, Alternativen zu schaffen, wo es aktuell nur eine mögliche Lösung gebe. Grünliberalen-Politikerin Barbara Schaffner betonte die Wichtigkeit von Kompetenzen in der Schweiz: "Wenn man kocht, müssen wir fähig sein, die Zutaten für das Gericht auszutauschen", illustrierte sie ihren Punkt. Mitte-Nationalrat Gerhard Pfister fand hingegen, er mache sich in Sachen Talente weniger Sorgen und legte seinen Fokus auf das Kapital. Hier müsse sich die Schweiz "entscheiden, ob wir der nächsten Generation unser Land noch mit etwas weniger Schulden überlassen, oder doch lieber mit guten Investitionen in zukunftsfähige Technologien".

 

Der Asut betont übrigens die Wichtigkeit sicherer Kommunikationsnetze für eine wirksame Cyberabwehr, wie Sie hier lesen können.

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FWS6CQFV