Women in Tech

" Natürlich ist eine geschlechterneutrale Erziehung wichtig, aber nicht einfach "

Uhr | Aktualisiert

In der Schweiz werden die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik in den letzten Jahren vermehrt gefördert – trotzdem stagniert der Anteil an weiblichen Fachkräften in der ICT-Branche. Im Interview erklärt Béatrice Miller, Expertin der Leitungsgruppe MINT 2 der Akademien der Wissenschaften Schweiz, wie es um die MINT-Förderung in der Schweiz steht.

Béatrice Miller, Expertin der Leitungsgruppe MINT 2 der Akademien der Wissenschaften Schweiz. (Source: zVg)
Béatrice Miller, Expertin der Leitungsgruppe MINT 2 der Akademien der Wissenschaften Schweiz. (Source: zVg)

Warum braucht es MINT-Initiativen?

Béatrice Miller: In der Schule ist die Mathematik gut verankert. Und auch die Naturwissenschaften haben seit Jahrzehnten ihren festen Platz. Technik und Informatik sind hingegen Stiefkinder, wobei sie mit dem neuen Lehrplan 21 etwas mehr Präsenz erhalten, etwa mit dem neuen Fach "Medien und Informatik". Um dieses Manko auszugleichen, sind in den letzten Jahren viele Initiativen entstanden. Eine Auswertung der Akademien Schweiz von fast 700 ausserschulischen Schweizer MINT-Initiativen zeigt, dass insbesondere viele Angebote in Naturwissenschaften und Technik entstanden sind, deutlich weniger in Informatik und am wenigsten in Mathematik.

Inwiefern wird bei MINT-Förderprogrammen darauf geachtet, ­sowohl Jungen als auch Mädchen anzusprechen?

Die Berufslehren und Studiengänge in Technik und Informatik sind nach wie vor vorwiegend durch männliche Lernende belegt. Die Frauen sind mit 20 Prozent und weniger deutlich untervertreten, was darauf hindeutet, dass die Ausbildungsgänge, aber auch die Förderprogramme in Technik und Informatik eher die Knaben ansprechen. Im Zusammenhang mit Förderprogrammen entdecke ich öfter, dass die Sensibilität für Inhalte, die Mädchen ansprechen, noch ungenügend ist oder auch das Vokabular männlich geprägt ist, indem nur von Ingenieuren und Informatikern die Rede ist, aber nie von Ingenieurinnen und Informatikerinnen. Der Fachkräftemangel und die Untervertretung der Frauen führten dazu, dass in der Schweiz verschiedene Gender-Studien durchgeführt wurden. Der Bund setzte daraufhin finanzielle Anreize für Projekte zur Förderung der vermehrten Teilhabe von Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen.

Wie sehen die bisherigen Ergebnisse aus?

Das Bewusstsein für die MINT-Bildung ist in den letzten Jahren stark gestiegen – sowohl beim Bund wie auch in den Kantonen. Bei den Unternehmen und Branchenorganisationen wegen des Fachkräftemangels sowieso. Die ausserschulischen MINT-Programme werden von Kindern und Jugendlichen gut genutzt, und die Studierendenzahlen in den MINT-Disziplinen sind gestiegen. Es braucht jedoch einen langen Atem, bis deutlich mehr Mädchen eine Ausbildung in Technik und Informatik wählen werden.

Welche Rolle spielt eine geschlechterneutrale Erziehung durch die ­Eltern?

Natürlich ist eine geschlechterneutrale Erziehung wichtig, aber in einer von Geschlechter-Stereotypen geprägten Welt nicht einfach zu gestalten. Studien zeigen, dass Mädchen allgemein die Tendenz haben, ihre Leistungen tiefer einzuschätzen als Knaben – und dies meist zu Unrecht. Es ist deshalb wichtig, dass die Eltern ihre Töchter in deren technischen und informatischen Fähigkeiten bereits früh bestärken, indem sie Erfolgserlebnisse bei praktischen Arbeiten im Familienalltag ermöglichen. Dabei ist Lob von männlichen Bezugspersonen besonders wertvoll, weil Technik und Informatik in unserer Kultur immer noch als männliche Fähigkeiten gelten. Zudem ist es auch wirkungsvoll, wenn die Eltern ermöglichen, dass Mädchen weibliche Rollenmodelle aus Technik und Informatik kennenlernen.

Welche Herausforderungen gilt es in der Schweiz bezüglich geschlechterneutraler MINT-Förderung noch zu meistern?

Wenn Eltern und Lehrpersonen in Geschlechter-Stereo­typen denken, übertragen sie dies auf die Kinder. In unserer Kultur entwickeln Mädchen in der Folge ein tieferes Selbstkonzept in Bezug auf Technik und Informatik. Dieses hemmt die Mädchen, eine MINT-Ausbildung zu ergreifen, selbst wenn sie die notwendigen Voraussetzungen dazu mitbringen. Angesichts der grossen Bedeutung des Fachs Mathematik in den MINT-Ausbildungen ist es besonders wichtig, dass der Mathematikunterricht auf allen Schulstufen geschlechtergerecht gestaltet wird.

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