EDI-Podium 2019

Die wunden Punkte des digitalen Gesundheitswesens

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Am diesjährigen EDI-Podium von Medidata haben die Gäste und Referenten über die E-Health-Knacknüsse diskutiert. Wie gehen wir mit Gesundheitsdaten um? Wo stehen wir bei der Einführung des EPD? Die Teilnehmer haben in Luzern gestritten – und schliesslich auch über sich selbst gelacht.

Journalistin Nicole Westenfelder (l.) moderierte die Diskussion; Jürg Bleuer von eHealth Suisse und Fabian Röthlisberger (r.) vom FMH beantworteten kritische Fragen. (Source: Netzmedien)
Journalistin Nicole Westenfelder (l.) moderierte die Diskussion; Jürg Bleuer von eHealth Suisse und Fabian Röthlisberger (r.) vom FMH beantworteten kritische Fragen. (Source: Netzmedien)

Der IT-Dienstleister Medidata hat sein jährliches EDI-Podium im Luzerner Kantonsratssaal veranstaltet. EDI steht hier für Electronic Data Interchange – auf Deutsch: elektronischer Datenaustausch. Mit der Veranstaltung will Medidata die Entscheider und Experten aus dem Schweizer Gesundheitswesen zusammenbringen.

Rund 100 Besucher folgten der Einladung. An einem brütend heissen Sommertag versprach das steinerne Regierungsgebäude eine willkommene Abkühlung. Doch es ging mitunter hitzig zu und her. Die Referenten und Gäste stellten kritische Fragen und in den Diskussionen schenkten sie sich nichts. Manche machten einander happige Vorwürfe. Andere plädierten für mehr Zusammenarbeit. Und schliesslich übten sich alle in der Kunst, über sich selbst zu lachen.

 

Das heikle Geschäft mit Gesundheitsdaten

Was machen wir mit all den Gesundheitsdaten? Wie können wir sie nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen? Auf diese Frage gibt es derzeit drei mögliche Antworten. Zwei davon sind problematisch, eine ist sinnvoll, wie Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut, zu verstehen gab.

Der klassische, ökonomische Ansatz will Anreize schaffen. Gesundes Verhalten soll belohnt, ungesundes bestraft werden. Einige Krankenkassen verfolgen mit ihren Gesundheits-Apps ebendieses Prinzip: Messt Eure Schritte, teilt Eure Daten und zahlt dafür weniger Prämien. Oder im Umkehrschluss: Wer seine Daten nicht teilt, muss mehr bezahlen.

Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut. (Source: Netzmedien)

 

Momentan würden Krankenkassen vor allem Boni für Bewegungsdaten anbieten. Das sei jedoch erst der Anfang, sagte Samochowiec. "Je besser man wird, das gesundheitliche Verhalten zu messen und vorherzusagen, desto stärker gerät das Solidaritätsprinzip unter Beschuss." Ähnlich hatte übrigens auch die Soziologin Ursula Meidert argumentiert, als sie im Interview zum Thema Quantified Self die Gesundheits-App von Helsana kritisierte (Lesen Sie hier mehr dazu). Ende März entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass die Krankenkasse mit ihrem Bonusprogramm Helsana+ gegen den Datenschutz verstossen hat, wie Sie hier nachlesen können.

 

Vernunft allein kann es auch nicht sein

Die zweite Möglichkeit, um Gesundheitsdaten zu nutzen, dreht sich weniger um Anreize und mehr um Risiken. Es geht darum, gute Gründe aufzuzeigen, warum sich Menschen gesund verhalten sollten. Und diese guten Gründe lassen sich in Form von Wahrscheinlichkeiten aufzeigen. Eine App könnte dem Nutzer also aufzeigen: Wenn er weiterhin nur herumlungert und Kartoffelchips futtert, steigt etwa das Risiko eines Herzinfarktes um so und so viel Prozent.

Dieser Ansatz ist zwar rational, aber das reicht nicht, wie Samochowiec sagte. Studienergebnissen zufolge könnten Menschen mit Prozentwerten und Wahrscheinlichkeitsrechnungen nur wenig anfangen. "Wir überschätzen geringe Risiken und unterschätzen die hohen." Die Medien trügen daran zumindest eine Mitschuld, weil sie die Realität verzerrt abbildeten. Ein Beispiel: Herzkrankheiten kommen kaum in den Medien vor, obwohl sie in der Schweiz die Todesursache Nummer eins sind. Handkehrum stirbt hierzulande kaum jemand infolge eines Anschlags, und doch sind die Zeitungen voll von Meldungen über Terrorismus.

 

Werkzeuge für einen mündigen Umgang mit Daten

Und die dritte Option? Im Fachjargon nennt sie sich Empowerment. Im Prinzip wollen die meisten Menschen gesund leben, wie Samochowiec sagte. Nun gehe es darum, die Leute zu befähigen, dass sie sich ihren Idealen entsprechend verhalten könnten. Und zwar mit einem einfachen Mittel: lebhafte Informationen statt Statistiken.

Eine Gesundheits-App sollte also weder Anreize schaffen wollen, noch vor potenziellen Gefahren warnen, sondern einfach nur Feedback geben. Eine Rückmeldung für den Nutzer, sodass er seine Gewohnheiten bewusster wahrnehmen, reflektieren und gegebenenfalls ändern kann. "Mit der Digitalisierung ist es einfacher geworden, Menschen einen Spiegel vorzuhalten, damit sie ihr Verhalten verstehen und bessere Entscheidungen treffen können", sagte Samochowiec.

 

Morbus EPD

Woran krankt die Einführung des elektronischen Patientendossiers? Manche Akteure im Gesundheitswesen beklagen sich über ungleich lange Spiesse. Spitäler müssen etwa schon im kommenden April bereit sein. Pflegeheime und Geburtshäuser haben zwei Jahre mehr Zeit. Und "man fragt sich zu Recht, warum das EPD im ambulanten Bereich freiwillig ist", sagte Jürg Bleuer, stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle eHealth Suisse, der Kompetenz- und Koordinationsstelle von Bund und Kantonen. Hausärzte und Apotheken müssen nicht zwingend mitmachen, Kliniken hingegen schon, wie Roman Plattner, Leiter ICT im Spital Limmattal, im Interview sagte. Lesen Sie hier mehr dazu.

 

Jürg Bleuer, stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle eHealth Suisse. (Source: Netzmedien)

 

Das Ganze sei nun mal ein politischer Kompromiss, fuhr Bleuer fort. Der Föderalismus habe das Vorhaben sicherlich gebremst. "Der Kantönligeist in der Schweiz ist international legendär." Ein weiterer Bremsklotz: "Die Ärztelobby hat sich gegen das EPD gewehrt."

 

Warum sich Ärzte sträuben

Ärzte haben gegenüber dem EPD eine – gelinde gesagt – ambivalente Einstellung. Wer nach den Chancen fragt und das Wort "Digitalisierung" erwähnt, bekommt eher positive Rückmeldungen. Wenn man aber genauer hinschaut und danach fragt, was die Ärzte konkret vom EPD erwarten, regt sich Widerstand. Fabian Röthlisberger von der Ärztevereinigung FMH präsentierte die Ergebnisse einer schriftlichen Befragung, bei der hauptsächlich Hausärzte teilgenommen haben. Es kamen folgende Befunde heraus:

 

  • 36 Prozent der Befragten wollen das EPD tatsächlich nutzen

  • 12 Prozent geben an, dass ihre Kollegen eine positive Haltung gegenüber dem EPD vertreten

  • 38 Prozent glauben, dass das EPD die Behandlungsqualität verbessern kann

  • 39 Prozent gehen davon aus, dass das EPD Zeit und Kosten sparen kann

  • 60 Prozent bezweifeln, dass das EPD sie bei administrativen Tätigkeiten entlasten kann

  • 49 Prozent meinen, dass das EPD nur dann richtig funktioniert, wenn die Patienten zur Teilnahme verpflichtet werden (oder wenn zumindest ein Opt-out-Modell eingeführt wird)

  • 69 Prozent sind der Ansicht, dass das EPD nur dann richtig funktioniert, wenn alle Gesundheitsfachpersonen mitmachen müssen.

  • 81 Prozent sind nicht bereit, für das EPD Geld auszugeben

 

Was, wenn es da ist – und niemand es nutzt?

Was wollen denn die Ärzte? Was würde ihnen helfen, effizienter zu arbeiten und Patienten besser zu behandeln? Den Befragungsergebnissen zufolge: elektronische Rezepte, elektronische Terminvereinbarung, elektronische Befundübermittlung (etwa an medizinische Labore) und elektronische Medikamentenbestellungen. Das alles ist jedoch nicht Teil des EPD, sondern der Zusatzdienste, die ebenfalls unter die E-Health-Strategie des Bundes fallen.

Auf diesen Zusatzdiensten ruhen die Hoffnungen des Ärzteverbands FMH. Und was das EPD betrifft: "Dass wir hierzulande ein Opt-in-Modell haben, ist aus unserer Sicht schade", sagte Röthlisberger. Denn es bestehe die Gefahr, dass am Ende kaum jemand das EPD nutzen werde. Genau das ist in Frankreich passiert: Dort ist es fünf Jahre her, als die Regierung ein elektronisches Patientendossier einführte. Es nennt sich dossier médical partagé. Und es werde derzeit von nur 1,5 Prozent der französischen Bevölkerung genutzt, sagte Röthlisberger.

 

Fabian Röthlisberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter, eHealth FMH. (Source: Netzmedien)

 

Trotz aller Skepsis sieht der FMH das EPD als Chance. Es gibt jedoch noch Hindernisse. "Die können wir nicht alleine überwinden", sagte Röthlisberger. Konkret forderte er Finanzhilfen für ambulant tätige Ärzte oder zumindest Unterstützung bei der Tarifierung. Es müssten also alle am selben Strang ziehen. "Daher ist uns jede Diskussion willkommen."

 

Fliegen die Fetzen, freut sich das Publikum

Prompt kam aus dem Publikum ein kritisches Votum. Martin Rüfenacht von der Interessengemeinschaft eHealth ergriff das Wort: "Wir werden es nicht zeitgerecht schaffen. Nächstes Jahr sitzen wir wieder hier und schieben uns den schwarzen Peter gegenseitig zu. Was plant man denn bei E-Health Suisse? Wie will man die Patienten über all diese schönen Möglichkeiten aufklären?"

Das Publikum klatschte. Einige lachten. Jürg Bleuer von eHealth Suisse stand auf der Bühne, schmunzelte kurz und erwiderte dann mit ernster Miene: "Das war jetzt eine sehr polemische Frage."

Jürg Bleuer (l.) von eHealth Suisse und Fabian Röthlisberger vom Ärzteverband FMH stellten sich den kritischen Fragen des Publikums. (Source: Netzmedien)

 

Seit es eHealth Suisse gebe, arbeite man daran, die Patienten wie auch die Leistungserbringer über die Vorzüge des EPD zu informieren. "Ich kann allerdings nachvollziehen, dass vor allem ältere Hausärzte nicht dazu bereit sind, in Infrastruktur zu investieren. Du kannst keinen Hausarzt zwingen, sich für etwas zu begeistern, wenn er nicht will."

Und die Aussage, dass die Zeit nicht reicht? "Das ist ein happiger Vorwurf", sagte Bleuer. Vor zwei, drei Jahren hätte er wohl zugestimmt. Doch mittlerweile sei viel passiert, der Zeitplan gehe auf. "Es wird Revisionen geben", merkte er an. Das sei schliesslich bei allen technischen Vorhaben der Fall. Aber das mit dem schwarzen Peter sieht Bleuer anders. "Ich bin sehr zuverlässig, dass es klappt."

 

Eine Protokollantin mit Schmackes

Den ganzen Tag über sass jemand im Publikum, ganz vorne am Rand, und machte sich Notizen, faltete Blätter und ordnete sie behutsam in einen schwarzen Ordner ein. Es war Patti Basler – Bühnenpoetin, Kabarettistin und Autorin. Nach der Diskussion, bevor es ans Essen ging, trat sie vors Publikum und trug vor, was sie sich notiert hatte. Sie nannte das ein "Instantprotokoll". Eine lyrische und satirische Zusammenfassung der Referate und Diskussionen, wobei sie jeden Redner mal mehr oder weniger stilvoll in die Pfanne haute und so gehörig für Gelächter sorgte.

Patti Basler, Bühnenpoetin, Kabarettistin und Autorin, heiterte die Stimmung auf. (Source: Netzmedien)

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