Data Literacy: Daten wirksam nutzen - Teil 2

Gute Daten müssen über die Brücke

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von Georges-Simon Ulrich, BFS

Selbst die besten Daten entfalten ihren Nutzen nicht automatisch. Erst wenn sie auffindbar, verständlich und miteinander kombinierbar sind, entstehen neue Erkenntnisse oder digitale Dienste, die das Leben erleichtern. Metadatenplattformen, ­Register und weitere Instrumente machen Daten für Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft nutzbar. Sie bilden die Brücke, die Daten überqueren müssen, um ihr Potenzial zu entfalten.

Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamtes für Statistik (BFS), Chair der UNO-Statistikkommission. (Source: zVg)
Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamtes für Statistik (BFS), Chair der UNO-Statistikkommission. (Source: zVg)

Der erste Teil dieser Serie (erschienen in der Netzwoche 13/2025) hat die Qualität von Daten an der Quelle thematisiert. So unverzichtbar diese Grundlage ist, so entscheidend ist der nächste Schritt: Denn selbst hochwertige Daten entfalten ihren Wert erst dann, wenn sie durch geeignete Plattformen, Werkzeuge und organisatorische Strukturen effektiv genutzt werden können. Interoperabilität – verstanden als Auffindbarkeit, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit von Daten für unterschiedliche Zwecke – entsteht dabei nicht von selbst, sondern erfordert klare Regeln sowie abgestimmte, koordinierte Prozesse.

Es genügt dabei nicht, dass Daten technisch kompatibel sind und in einheitlichen Formaten vorliegen. Ebenso muss die semantische Interoperabilität gewährleistet sein: Die inhaltliche Bedeutung der Daten muss klar festgelegt und von allen Beteiligten gleich verstanden werden. Darüber hinaus muss eindeutig geregelt sein, wer für welche Daten verantwortlich ist, welche fachlichen und organisatorischen Regeln gelten, und welche rechtlichen Vorgaben einzuhalten sind. Gelingt all dies, steigt der Wert der Daten mit ihrer Nutzung: Mehrfach verwendete Daten beschleunigen Verwaltungsprozesse. Sie verbessern die Servicequalität für Bevölkerung und Kundschaft. Und sie ermöglichen es Unternehmen und Forschungseinrichtungen, neue Lösungen schneller und kosteneffizienter zu entwickeln. Auch KI-gestützte Anwendungen werden dadurch zuverlässiger.

Wer darf was – und wer muss was?

Sind Rollen, Aufgaben und Zugriffsrechte klar definiert, wissen alle beteiligten Akteure, welche Verantwortung sie im Datenökosystem tragen. Zusammengefasst wird dies unter dem Begriff Data Governance. Sie legt fest, wer welche Daten auf welche Weise und zu welchem Zweck nutzen, bereitstellen und verwalten darf.

Mit dieser Zielsetzung wird derzeit das Datenökosystem Schweiz aufgebaut. Es soll Akteuren aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und der Bevölkerung ermöglichen, Daten vertrauenswürdig, interoperabel und zielgerichtet zu nutzen. Bereits heute werden in der Schweiz verschiedene Datenräume aufgebaut, etwa in den Bereichen Mobilität, Gesundheit und Energie. Hier zeichnet sich exemplarisch ab, wie eine Zusammenarbeit auf Basis gemeinsamer Regeln und Standards funktionieren kann – und welchen Mehrwert sie für Gesellschaft und Wirtschaft schafft.

Der Aufbau des Datenökosystems Schweiz erfolgt im Auftrag des Bundesrates und in enger Zusammenarbeit mit Kantonen, Gemeinden und weiteren Partnern. Ziel ist eine koordinierte und nachhaltige Datennutzung über alle staatlichen Ebenen hinweg. Eine gemeinsame Data Governance stellt sicher, dass Bund, Kantone und Gemeinden effizient zusammenarbeiten, ohne ihre jeweilige Autonomie zu verlieren. Die strategische Steuerung innerhalb der Bundesverwaltung übernimmt das Data Board des Bundes, das die Data Stewards der Departemente sowie der Bundeskanzlei zusammenführt. Dem BFS kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Als Swiss Data Steward hat es zu gewährleisten, dass Daten und Metadaten über Systemgrenzen hinweg kompatibel, interoperabel und langfristig nutzbar bleiben.

Auch im föderalen System umsetzbar

Dass das auch im föderalen System der Schweiz realisierbar ist, zeigen mehrere etablierte Beispiele. Erstens die öffentliche Statistik: Sie ist seit dem 19. Jahrhundert auf Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit ausgerichtet, heute gesetzlich auf die Mehrfachnutzung von Daten fokussiert und international kompatibel. Möglich wird dies durch eine klar definierte und konsequent umgesetzte Governance.

Ein zweites Beispiel ist das Geodatensystem der Schweiz: Es beruht auf einer seit 20 Jahren aufgebauten Governance-Struktur, bei der die Geodaten mit Statistikdaten verknüpft werden können. Ein drittes Beispiel ist Open Government Data: Hier sorgen einheitliche Standards, definierte Rollen, leicht zugängliche Metadaten, ein Masterplan und Richtlinien für Behörden für Transparenz und Effizienz.

Um weitere solcher Erfolge zu erzielen, muss die Vernetzung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden noch enger werden. Dies erleichtert allen Beteiligten, den Überblick über die vorhandenen Daten und Möglichkeiten zu erhalten – und genau an diesem Punkt kommen Metadatenplattformen ins Spiel.

Eine Landkarte im Datendickicht

Metadaten beschreiben, welche Daten existieren, wer sie besitzt, wie sie strukturiert sind und unter welchen Bedingungen sie genutzt werden können. Um Metadaten für alle zugänglich zu machen, betreibt das BFS dafür Plattformen. Diese schaffen Transparenz und machen Datennutzung planbar. Ähnlich wie eine Wanderkarte hilft, sich in einem dichten Wald voller verwachsener Pfade zurechtzufinden, vereinfachen Metadatenplattformen den Weg durch eine komplexe Datenlandschaft.

Auf der öffentlich zugänglichen Interoperabilitätsplattform I14Y (i14y.admin.ch) können Behörden aller föderalen Ebenen ihre Datensätze, elektronischen Schnittstellen (APIs) und Behördenleistungen mittels Metadaten beschreiben. Die Originaldaten bleiben bei den zuständigen Stellen. So bleiben Datensouveränität und digitale Selbstbestimmung gewahrt. Ergänzend stellt opendata.swiss als zentrale Open-Data-Plattform der Schweiz frei nutzbare Daten für die Öffentlichkeit bereit. Sie ermöglicht es Behörden, Forschenden, Unternehmen und der Bevölkerung, Datensätze zu finden, herunterzuladen und wiederzuverwenden – und macht so die Potenziale offener Daten transparent und nutzbar.

Die beiden Plattformen I14Y und opendata.swiss werden aktuell zu metadata.swiss fusioniert. Die neue Plattform bringt dereinst Datenproduzenten und -nutzende zusammen, erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Fachstellen, IT und Statistik und unterstützt die Harmonisierung von Daten. Mitmachen können nicht nur Behörden. Auch Unternehmen können offene Daten direkt integrieren, was die eingangs erwähnten Vorteile der Mehrfachnutzung auslöst.

Stammdatenregister als Fundament

Eine weitere wichtige Grundlage für die Mehrfachnutzung bilden Stammdatenregister. Sie sind für eine moderne Statistik und Verwaltung unverzichtbar, da sie verlässliche, eindeutig zuordenbare und mehrfach nutzbare Informationen bereitstellen. Entscheidend ist dabei, dass die erfassten Objekte – etwa Personen oder Unternehmen – eindeutig identifizierbar sind. 

Das BFS führt zwei Unternehmensregister: das Betriebs- und Unternehmensregister (BUR) sowie das UID-Register, das jedem Unternehmen in der Schweiz eine Unternehmens-Identifikationsnummer, eben UID, zuweist. Für wirtschaftliche Daten von Unternehmen gibt es auch ausserhalb des BFS ein prominentes Register: das Handelsregister. Für die statistische Nutzung von Perso­nendaten hingegen greift das BFS auf bestehende Personenregister von Bund, Kantonen und Gemeinden zurück. Weil diese Personenregister harmonisiert wurden, kann seit 2010 die Volkszählung registerbasiert durchgeführt werden. Der Nutzen ist erheblich: Die Bevölkerung muss nicht mehr vollständig befragt werden, stattdessen erhält das BFS die relevanten Personendaten viermal jährlich zur statistischen Nutzung. Ergänzend gibt es nur noch eine Stichprobenerhebung zu weiteren Merkmalen. Dies entlastet sowohl die Bevölkerung als auch die beteiligten Behörden spürbar. 

Daten, denen man trauen kann

Zum Schluss noch einmal zurück zu den Metadatenplattformen: Sie gewinnen weltweit zunehmend an Bedeutung. Eine aktuelle Initiative des BFS, das Trusted Data Observatory (TDO) in Genf, blickt denn auch weit über die Landesgrenzen: Es soll als globale Metadatenplattform dienen, auf die unter anderem KI-Systeme zugreifen können, um ihre Antworten auf überprüfbare Fakten zu stützen. Das ist wichtig, denn während der eigenständige Output von grossen KI-Sprachmodellen mehrheitlich aus der Technologie selbst entsteht, werden öffentliche Daten bewusst aufgebaut – durch klare Regeln, Verantwortlichkeiten und Standards. Finanziert wird das Vorhaben vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sowie von zwei Stiftungen. 

Neben der Förderung der Transparenz und faktenbasierter politischer Entscheidungsfindung könnte das TDO auch zur Bekämpfung von gezielter Desinformation beitragen – und damit zur Stabilisierung von Demokratien. Höchste Zeit also, Daten, denen man trauen kann, als ein gemeinsames Gut anzusehen und nutzbar zu machen, indem wir sie über eine stabile Brücke schicken.

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