Synpulse-Studie

Wie Schweizer Spitäler in puncto Digitalisierung aufholen können

Uhr
von René Jaun und slo

In Sachen Digitalisierung sind Schweizer Spitäler im Hintertreffen. So mangelt es vielerorts an mobilen Geräten, und das EPD wird von IT und Direktionen kritisch beurteilt. Um erfolgreich zu digitalisieren, reicht eine klassische Fünf-Jahres-Planung nicht, wie eine Studie zeigt.

(Source: aurielaki / iStock.com)
(Source: aurielaki / iStock.com)

Schweizer Spitäler hinken der Digitalisierung hinterher. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Beratungsunternehmens Synpulse. Sie stützt sich auf eine von Oktober 2019 bis Januar 2020 durchgeführte Onlinebefragung, an der mehr als 300 Mitarbeitende aus 26 Schweizer Spitälern teilnahmen. 63 Prozent von ihnen gaben an, das Schweizer Spitalwesen sei im Vergleich zu anderen Branchen in Sachen Digitalisierung im Hintertreffen.

Nicht alle sehen das Glas halb leer

Wo es in der Digitalisierung konkret hapere, zeige sich im Detail, schreibt Synpulse weiter. So setze etwa nicht einmal ein Drittel der hiesigen Spitäler mobile Endgeräte ein. Auch die ganzheitliche, systematische und digital unterstützte Begleitung des Patienten über den gesamten Patientenpfad hinweg stecke noch in den Kinderschuhen. "Soweit überhaupt digitale Elemente vorhanden sind, konzentrieren sich diese vor allem auf die Phasen während und nach dem Aufenthalt", heisst es im Executive Summary.

Ihre eigene Organisation sehen aber nicht alle im Hintertreffen. 53 Prozent der Befragten aus dem Bereich der Unternehmensentwicklung gaben an, ihre Institution habe eine Vorreiterrolle im Bereich innovativer Vorhaben, während nur 27 Prozent der Mitarbeitenden anderer Bereiche diese Meinung vertreten.

Immerhin gebe bei 72 Prozent der Spitäler jeweils eine Mehrheit der Befragten an, dass in ihrer Organisation die klinische Dokumentation bereits digital erfolge, und weitere 12 Prozent diskutierten das Vorhaben, heisst es in der Studie.

EPD: erwartet und kritisiert

Die Umfrageteilnehmenden, darunter medizinisches Personal, Mitarbeitende der IT, der Unternehmensentwicklung und der Geschäftsleitung, konnten auch das elektronische Patientendossier (EPD) beurteilen. Dieses werde von den Befragten, die näher am Patienten arbeiten, deutlich positiver wahrgenommen. "Ein sehr viel grösserer Nutzen und Effizienzsteigerungen werden von ihnen erwartet", fassen die Autoren zusammen.

In den Bereichen IT und Medizintechnik sowie in den Direktionen sehe man das EPD dagegen deutlich kritischer. Als grösstes Hindernis für die EPD-Einführung geben diese Befragten an, dass es einen zu geringen Nutzen habe. "Möglicherweise hängt die kritische Haltung damit zusammen, dass IT und Direktionen näher an den jeweiligen Umsetzungsvorhaben sind und die Herausforderungen besser kennen", interpretiert Synpulse.

Digitalisierungsstrategie ist zu kurz gedacht

Doch wie können Spitäler den Weg in die Digitalisierung einschlagen und schnell Mehrwerte für Patienten, Mitarbeitende und Partner schaffen? In einem Kapitel mit Handlungsempfehlungen schreibt Synpulse zunächst, dass es in der Praxis oft zu kurz gedacht sei, auf eine konstante Fünf-Jahres-Digitalisierungsstrategie und einen Umsetzungsplan zu setzen. Vielmehr raten die Autoren zu einer "Dynamisierung der Strategie und Umsetzung".

Konkret heisst dies, dass ein initiales Digitalisierungs-Zielbild und der daraus abgeleitete Massnahmenkatalog regelmässig – beispielsweise jährlich – einem kritischen Review unterzogen werden. Auf Basis dieses Reviews können dann neue Massnahmen eingeführt und Prioritäten neu gesetzt werden. So könne man insbesondere dem schnellen, technologischen Wandel Rechnung tragen.

Gemäss der Studie sollte dabei nach den folgenden Grundsätzen gehandelt werden

  1. Kernprozesse vor Supportprozessen: In erster Linie sollten die Kernprozesse betrachtet werden, denn hier liegt das grösste Potenzial und liegen die grössten zu erwartenden Mehrwerte für Patienten und Mitarbeitende.

  2. Plattformen vor Einzellösungen: Das Legen von Grundsteinen sollte priorisiert werden. So kann zum Beispiel der Ausbau einer Wi-Fi-Infrastruktur und die Einführung mobiler Kommunikationslösungen für viele weitere aufzugleisende Massnahmen wichtige Voraussetzung und Plattform sein, auf die aufgesetzt werden kann.

  3. Interne Digitalisierung vor der Digitalisierung nach aussen: Die digitale Anschlussfähigkeit nach aussen verlangt einen gewissen internen Digitalisierungsgrad. Daher ist die interne Digitalisierung zunächst zu priorisieren – hierbei sind jedoch nicht nur prozessuale und technologische Aspekte von Bedeutung. Vielmehr sind auch kulturelle Aspekte zu beachten: Die Organisation als Ganzes wird einem Wandel unterzogen.

Die komplette Studie steht nach einmaliger Registrierung bei Synpulse zum Download bereit.

Am 65. Asut Lunch Forum hat Joachim Steinwendner beispielhaft gezeigt, wie die Gesundheitsbranche von neuen Technologien profitiert. Dass die Potenziale von KI, RPA und Co. oft nicht ausgeschöpft werden, liegt auch an der Komplexität der Branche.

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