Hintergrund

«Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit»

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Das Internet der Dinge hat Goldgräberstimmung geweckt. Hersteller tun sich zusammen für ­gemeinsame Standards. Doch bei der Sicherheit gibt es noch klaffende Lücken, warnen Experten.

Das Internet der Dinge, kurz IoT, hat es schon lange auf die Liste der Big Five der IT-Trends geschafft. Nun wird der Trend fassbar. Das IoT wächst rasant. Immer mehr kleine, minia­turisierte Computer sind miteinander vernetzt und unterstützen den Menschen im Alltag. Vom Wearable bis zum Kühlschrank. Das Jahresthema des diesjährigen Best of Swiss App Awards deckt verschiedenste Bereiche ab: Das Internet der Dinge betrifft jeden Menschen und auch die Industrie. Ralf Günthner, Head of Industrial IoT & Industrie bei Swisscom, erhofft sich vom IoT die Grundlage für die vierte industrielle Revolution. Bis 2020 sollen es laut Analysten 50 Milliarden Geräte weltweit sein, die miteinander kommunizieren.

Allianzen arbeiten zusammen am IoT

Das wäre ein gigantisches Netz an Geräten. Doch für das Zusammenspiel fehlten bisher die Standards, sowohl bei den Komponenten als auch bei den Diensten im IoT. Es schien fast so, als dass jeder Hersteller und Entwickler zu Beginn des IoT-Hypes auf eine eigene Lösung setzte. Da­rauf bauen zwar immer noch einige, aber die meisten Hersteller tun sich zusammen und gründen Allianzen. Und die gute Nachricht: Diese Allianzen spielen sich nicht gegeneinander aus. Erst kürzlich schlossen sich zwei der grössten zusammen. Die Allseen Alliance fügte sich in die grössere Open Connectivity Foundation. Die zwei Standards «IoTivity» und «Alljoyn» kommen zusammen und werden interoperabel. Bisher mit den unterschiedlichen Standards laufende Geräte sollen weiterlaufen können und auch rückwärtskompatibel sein. Von Industrieseite tut sich also einiges.

Das ist verständlich, sind die Hersteller doch in Goldgräberstimmung. Swisscom baut etwa fleissig an seinem Low Power Network für das IoT. Bis Ende des Jahres will Swisscom den Grundausbau für 80 Prozent der Bevölkerung abgeschlossen haben. Das Netz läuft über den offenen Lora-WAN-Industriestandard und tauscht Daten über eine einheitliche IP-Basis aus. Zahlen für den noch jungen Schweizer IoT-Markt gibt es noch keine. GfK Switzerland wird wohl im nächsten Jahr erstmals harte Fakten liefern können. Berücksichtigt man aber das grosse Konsumenteninteresse am Thema, scheint grosses Potenzial für Marktwachstum vorhanden. Eine GfK-Umfrage in Deutschland mit 1000 Teilnehmern ergab, dass fast zwei Drittel davon sich für das Thema Smarthome – auch ein Aspekt des IoT – interessierten. Wer sich nicht dafür interessierte, gab als Grund die hohen Kosten an – oder er konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Wurde diesen Befragten dann ein konkretes Beispiel genannt, seien auch sie begeistert gewesen, schreibt GfK.

Sicherheitsbedenken sind gross

Begeisterung am neuen IoT-Markt zeigt auch die «dunkle Seite» der IT. Hacker bedrohen Geräte und Nutzer. Solange kein gemeinsamer Sicherheitsstandard existiert, haben sie leichtes Spiel.

Das Sicherheitsproblem ist offenbar auch den Anwendern bewusst. Bei der GfK-Umfrage zeigten die Teilnehmer die grössten Bedenken bezüglich der Sicherheit. Wenn das Wearable einmal die Gesundheitsdaten automatisch dem Arzt oder der Krankenkasse übermittelt, kommt der Datenschutz nicht mehr mit. Das bemängelten erst kürzlich Datenschützer Anfang November an einer Tagung im Wiesbadener Landtag in Deutschland. «Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit», sagte der Gastgeber der Datenschützer-Tagung, Hessens Datenschutzbeauftragter Michael Ronellenfitsch, gegenüber der Frankfurter Rundschau.

Security-Spezialist Chema Alonso, Chief Data Officer von Telefónica, fordert ebenfalls, dass sich die Branche mehr Gedanken über die Sicherheit mache. Gegenüber Heise sagte er, dass es sonst irgendwann knallen werde. Alonso fordert weitere Sicherheitsebenen abseits des Geräts im Backend und im Netz, damit die Administratoren mehr Übersicht hätten.

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